{"id":17741,"date":"2015-03-27T00:47:28","date_gmt":"2015-03-26T22:47:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.china-by-bike.de\/blog\/?p=17741"},"modified":"2015-03-27T00:47:28","modified_gmt":"2015-03-26T22:47:28","slug":"auf-dem-ruecksitz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/china-by-bike.de\/blog\/2015\/03\/auf-dem-ruecksitz\/","title":{"rendered":"Auf dem R\u00fccksitz"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.tandem4family.de\" title=\"Familienkutsche\" target=\"_blank\">tandem4family<\/a><br \/>\n<a href=\"https:\/\/china-by-bike.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/DSC1777.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/china-by-bike.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/DSC1777.jpg\" alt=\"_DSC1777\" width=\"440\" height=\"280\" class=\"alignnone size-full wp-image-17743\" \/><\/a><br \/>\n&#8222;Guck mal, ein Tandem!\u201c<\/p>\n<p>Selbst in einer radm\u00fcden Stadt wie Berlin, deren Bewohner l\u00e4ngst an alle radtechnischen Modeexzesse gewohnt sind, zaubert der Anblick eines P\u00e4rchens auf einem Tandem sogar dem frustriertesten Autofahrer im Stau ein L\u00e4cheln auf die Lippen. Tandems l\u00f6sen etwas in den Menschen aus und stimmen sie vers\u00f6hnlich. Vielleicht ist es die Vorstellung eines jungen Liebespaars, das zusammen durch bl\u00fchende Felder f\u00e4hrt, in Liebe auf dem einen Fahrrad vereint.<\/p>\n<p>Nach f\u00fcnf Jahren Erfahrung auf dem Tandem kann ich mit Fug und Recht behaupten: Radeln mit dem Tandem ist keine Fahrt auf rosa Wolken! Es ist der ultimative Test einer jeden Ehe. Du denkst, dass das w\u00f6chentliche Aufsammeln dreckiger, \u00fcber die Wohnung verteilter Socken, der Flirt deines Mannes mit der Rothaarigen auf der letzten Party, die verd\u00e4chtige SMS, die er letzte Nacht bekommen hat, ein Grund f\u00fcr eine Ehekrise ist? Dann warst Du noch nie auf dem hinteren Sitz eines Tandems!<\/p>\n<p>Man sagt, dass es zwei Dinge gibt, die das Tandemfahren erschweren: Die Frage, wer vorne sitzt und die Synchronisation des Trittrhythmuses. In der Theorie war es uns in die Wiege gelegt, das harmonischste P\u00e4rchen zu sein, das je auf einem Tandem sa\u00df. Quasi eine Nicht-Radfahrerin, war ich mehr als froh, das Steuern in Volkers erfahrenen und geschickten H\u00e4nde zu legen. Und was den Trittrhythmus angeht: Ich hatte einfach keinen! Konnte also seinem Rhythmus folgen, mich auf dem hinteren Sitz entspannen und die Landschaft genie\u00dfen! Aber dann: \u201cDu trittst nicht!\u201d, kommt es von vorne. Nat\u00fcrlich trete ich, so stark, dass meine Knie schmerzen! \u201cIch trete!\u201d, schreie ich zur\u00fcck, atemlos. \u201cIch mache hier die ganze Arbeit!\u201d kommt die Antwort von vorne. And here we go\u2026<\/p>\n<p>Unsere Tandemscharm\u00fctzel drehen sich nicht nur um die Frage, wer wie dazu beitr\u00e4gt, dass sich unsere Familienkutsche nach vorne bewegt. Einige ber\u00fchren direkt die Grundfesten einer jeden Beziehung: Die Frage des gegenseitigen Vertrauens.<\/p>\n<p>Eine typische Situation in der morgendlichen Rushhour auf dem Weg zur Arbeit: Mein eingeschr\u00e4nktes Gesichtsfeld hinter Volkers Schultern l\u00e4sst mich potentiell gef\u00e4hrliches Situation eingeschr\u00e4nkt und verzerrt wahrnehmen. Aus den Augenwinkeln sehe ich ein rotes Schimmern. \u201cRot!\u201d, entf\u00e4hrt es mir, ehe ich merke, dass dies die Fu\u00dfg\u00e4ngerampel ist. Zu sp\u00e4t! \u201cDu vertraust mir nicht!\u201d, kommt es von vorne und sch\u00f6n sind wir mitten im Streit.<\/p>\n<p>Wenn man auf dem hinteren Sattel eines Tandems sitzt, die H\u00e4nde auf einem Lenker, der sich nicht bewegen l\u00e4sst, hat mein keine Chance zu reagieren. Man kann nicht zur\u00fcckfahren, wenn man w\u00fctend ist, kann nicht einfach eine andere Stra\u00dfe nehmen, kann noch nicht einmal bremsen! Sicherlich, man kann darauf bestehen, abzusteigen. Nur dass man dann verloren im Nirgendwo steht. Es bleibt also nichts anderes \u00fcbrig, als weiterzufahren, verbunden \u201cin guten und in schlechten Zeiten\u201d mit einer gemeinsamen Fahrradkette.<\/p>\n<p>Gl\u00fccklicherweise gibt es festgeschriebene physikalische Regeln des Systems Tandem. Das erste Gesetz der Tandemdynamik: \u00c4rger, dem System hinzugef\u00fcgt, wird umgesetzt in reine kinetische Energie. In der Praxis hei\u00dft das, um so angepisster ich werde, desto schneller trete ich in die Pedalen \u2013 und desto schneller bewegt sich unser Tandem nach vorne. Paradoxerweise hat sich der \u00c4rger, wenn wir das Kulturforum erreicht haben, durch die muskul\u00e4re Anstrengung und die Geschwindigkeit in Nichts aufgel\u00f6st. Nur hat Volker sehr schnell verstanden, was das Tandem antreibt und es sich angew\u00f6hnt, eine \u00e4rgerliches Ereignis, wie eine abgelehnte Bewerbung oder eine ungerechtfertigte Rezension zu erw\u00e4hnen, nur um meine Pedalkraft zu erh\u00f6hen.<\/p>\n<p>Und so sausen wir durch Berlin, angetrieben von \u00c4rger und Liebe, von Zeit zu Zeit begleitet vom Jammern oder Singen unserer Kinder in der Zweisitz-Verl\u00e4ngerung unseres Tandems.<\/p>\n<p>Nicht dass ich aus freiem Willen auf dem hinteren Sitz eines Tandem gelandet w\u00e4re. Mir blieb kaum etwas anderes \u00fcbrig! Zu Zeiten, als Volker bereits mit seinem Fahrrad durch die Stra\u00dfen von Weiden sauste, auf dem Weg zur Grundschule, stand mein eigenes Rad in einem Schuppen in einem kleinen Bergdorf irgendwo auf dem Balkan. Die steilen Pfade des Dorfes waren f\u00fcr Fu\u00dfg\u00e4nger und Eselkarren. Ein Fahrrad, auch wenn es, wie meines, ein Rad der ber\u00fchmten Marke \u201cBalkanche\u201d war, konnte unter diesen Umst\u00e4nden niemals ein Transportmittel sein. Es hatte seinen Nutzen \u2013 um H\u00fchner auf dem Hinterhof zu jagen, oder Staubwolken auf den ungeteerten Wegen zwischen den G\u00e4rten aufzuwirbeln. Aber niemand w\u00e4re so verr\u00fcckt gewesen, von dem H\u00fcgel mit der Kirche die Serpentinen bergab zum Tante-Emma-Laden und zur Dorfkneipe zu radeln \u2013 geschweige denn zur\u00fcck! Als ich dann in die flachere, radfreundlicherer Hauptstadt zog, war mein Rad ein Opfer des Rosts geworden.<\/p>\n<p>Mein n\u00e4chster Versuch, die zwei R\u00e4der zu z\u00e4hmen, kam Jahre sp\u00e4ter, als ich als Auslandsstudentin in Peking lebte. Man kennt die Bilder aus dem Peking der fr\u00fchen 1990er: Das endlose Meer der Radfahrer, die die Stra\u00dfe des Ewigen Friedens hinunter schwimmen, kein Auto und kein Bus in Sicht! G\u00e4be es einen besseren Platz, Radfahren zu lernen, als in der \u201cFahrradhauptstadt der Welt\u201d? Das dachte ich mir, als ich selbstbewusst die ruhigen Alleen des Universit\u00e4tscampus entlang radelte. Bis ich eines Tages die Campusmauern hinter mir lie\u00df, um zu einer Verabredung an der Peking Universit\u00e4t einige Kilometer entfernt zu radeln.<\/p>\n<p>Sobald ich die Hauptstra\u00dfe mit dem Stra\u00dfenmarkt erreichte, war ich in einem Strudel von Radfahrern, Fu\u00dfg\u00e4ngern, Autos, Bussen und Handkarren gefangen. Ellbogen von links, Geschiebe von recht, bis ich schlie\u00dflich mit zitternden Knien auf den B\u00fcrgersteig gespuckt wurde. Zu meiner Verabredung habe ich es nie geschafft.<\/p>\n<p>Vielleicht war dies auch Schicksal. Ein paar Tage sp\u00e4ter tauchte Volker in meinem Leben auf und damit begann Kausalit\u00e4tsreihe, die mich schlie\u00dflich auf den hinteren Sitz eines Tandem bef\u00f6rderte.<\/p>\n<p>Die Jahre vergingen, und ich wurde Berlinerin. F\u00fcr mich schien die Stadt ein Radparadies! Weihnachten bekam ich ein eigenes Rad. Aber die Peking-Erfahrung sa\u00df zu tief, als dass ich furchtlos durch den Berliner Verkehr navigieren konnte. Das war der Moment, an dem die Idee mit dem Tandem langsam Gestalt annahm. Und was f\u00fcr eine Idee! Das Tandem nicht nur als Stadtvehikel, sondern auch als das Gef\u00e4hrt, gemeinsam die gro\u00dfe weite Welt zu entdecken! Schneller als ein Fu\u00dfg\u00e4nger zu sein, aber langsam genug, die Entfernung zu erfahren. Die erste mentale Radstrecke f\u00fchrte von Berlin \u00fcber den Balkan und dann weiter ostw\u00e4rts, entlang von Karawanenrouten, durch weite W\u00fcsten und Steppen, \u00fcber Berge, in denen mystische K\u00f6nigreiche lagen, bis zum Ostchinesischen Meer. Doch bevor wir es schafften, unser Tandem zu kaufen, wurde Sarah geboren. Also mussten wir umplanen. Wir kauften das Tandem und einen Anh\u00e4nger, der, obwohl gem\u00fctlich und gro\u00df genug f\u00fcr unser kleines M\u00e4dchen, das Familiengesamtgewicht deutlich erh\u00f6hte. Ich musste zugeben, dass die Berge Usbekistans und die Steppen Kasachstans, so reizvoll diese schienen, nicht der beste Platz f\u00fcr ein Kleinkind waren. Eine k\u00fcrzere und kinderfreundlichere Route wurde geplant: Von Peking nach Singapur. Doch dann wurde Nora geboren. Und wir mussten unsere Reiseplanungen ein weiteres Mal umstellen. Mit der erneuten Zunahme des Familiengesamtgewichtes und der Verringerung des Durchschnittsalters der Teilnehmenden, verk\u00fcrzten wir die Route ein weiteres Mal. So wurde die dramatische Karstlandschaft S\u00fcdthailands mit der Ostchinesischen Ebene mit den sie durchziehenden Kan\u00e4len ersetzt.<\/p>\n<p>Was einst als wager Traum began, wird nun bald Wirklichkeit, wenn auch weniger ambitioniert. Als unser Abreisetermin, der 1. April 2015 konkreter und konkreter wurde, kam bei mir langsam Panik auf. Volker verbringt die Wochenenden auf der Couch, zugedeckt von Landkarten und Reisef\u00fchrern, auf der Suche nach versteckten Nebenstra\u00dfen, Entfernungen, H\u00f6hen und Steigungen ausmessend. Mit strahlenden Augen erz\u00e4hlt er mir von historischen Wasserst\u00e4dten am Kaiserkanal, daoitischen Tempeln auf heiligen Bergen. Er spricht von Tempeln, aber alles was ich sehe, ist eine uns umgebende Wand von auf uns gerichteten Kameras, Mobiltelefonen und IPads. Er stellt sich den heiligen Berg Tai vor \u2013 ich sehe uns unser schwergewichtiges Gef\u00e4hrt endlose Serpentinen hochschieben. Er tr\u00e4umt davon, den Kindern die Wunder der Welt zu zeigen \u2013 doch alles, was ich h\u00f6re, ist das konstante Jammern der Kinder von hinten: \u201cWann sind wir endlich da?\u201d<\/p>\n<p>Dann, eines Morgens, w\u00e4hrend wir uns zwischen Autos, Bussen und Touristen \u00fcber den Potsdamer Platz lavieren, kommt mir ein weiterer Gedanke. Wir werden durch Shanghai radeln! Und Qingdao! Und Peking! Und durch unz\u00e4hlige Metropolen und St\u00e4dte, die ein kleiner Punkt auf der Landkarte sind, aber in der Realit\u00e4t mehr als einer Million Einwohner haben, mit der entsprechenden Menge an Autos, Bussen und Abgasen. Und das ohne Radwege oder Verkehrsregeln! Es ist hart genug, in den Massen, die die Innenstadt von Shanghai \u00fcberfluten, ein Fu\u00dfg\u00e4nger zu sein. Wie k\u00f6nnten wir es um alles in der Welt schaffen, mit unserem \u00fcberlangen Gef\u00e4hrt, zum Beispiel in die Nanjing Road abzubiegen? \u201cIch habe eine Idee, mein Liebster!\u201d, schreie ich durch den Verkehrsl\u00e4rm. \u201cLass uns die Tandemfahrten auf dem Land genie\u00dfen, und wenn wir uns einer Stadt n\u00e4hern, nehme ich die Kinder und das Gep\u00e4ck in ein Auto und Du f\u00e4hrst das Tandem alleine zum Hotel.\u201d<\/p>\n<p>Volker meint nicht, dass meine Bemerkung eine Antwort verdient h\u00e4tte. Er scheint nur einmal tief einzuatmen. Ok, das ist es dann \u2013 wir werden einige anspruchsvolle Stadtfahrten vor uns haben.<\/p>\n<p>Eines Tages kommen dann unsere Taschen an. Vier schicke, rote, wasserdichte Radtaschen, jede mit einer zus\u00e4tzlichen Au\u00dfentasche. Ich bewundere sie, bis mich etwas, das Volker sagt, aufhorchen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>\u201cEine Tasche f\u00fcr jeden!\u201d<\/p>\n<p>Wie? Auf keinen Fall! Vielleicht kann ich mich daran gew\u00f6hnen, leicht zu reisen, aber die Kinder? Fangen wir mit dem Essentiellen an, der Notfalltasche: Sonnencreme, Moskitoschutz, Creme gegen Sonnenbrand, Gel gegen Insektenbisse, Mikroflora, Fieberz\u00e4pchen, Beruhigungsz\u00e4pchen, Globuli gegen Infektionen, Globuli gegen Fieber, Verletzungen, Bienenstiche, M\u00fcckenstiche, Sonnenstich, Heimweh\u2026<\/p>\n<p>Erw\u00e4hnte ich die Wundermittel f\u00fcr die Kinder? Die rosa Pflaster mit den Prinzessinnen, die gro\u00dfz\u00fcgig auf jede kleine Verletzung geklebt werden und gelegentlich auch als Modeaccessoir dienen? Selbst wenn ich Flasche mit dem pflanzlichen Hustensaft und die Tropfen gegen Mittelohrentz\u00fcndung zuhause lasse, die uns treu auf allen Reisen begleitet haben, macht das dennoch einen ziemlichen Batzen aus. Und wenn Sarah auf Reisen geht, muss ihre Puppe Liza mitkommen. Und wenn Liza mit von der Party ist, dann kann Nora\u2019s Puppenbaby nicht zuhause bleiben!<\/p>\n<p>Und was ist mit Kleidung? Aprilwetter ist Aprilwetter, auch in China! Regenjacken, Regenhosen, Fleece-Jacken, dicke Leggings, d\u00fcnne Leggings, Halbschuhe, Sandalen.<\/p>\n<p>Radfahrmode erscheint zwei modebewussten kleinen M\u00e4dchen in der Prinzessinnenphase nicht besondern anziehend. Funktionskleidung k\u00f6nnen wir also vergessen und ein paar lange Kleider mit Blumenmuster einpacken. Nicht zu vergessen die Lillifee-Spangen und die rosa Sonnenbrillen.<\/p>\n<p>Und wo findet das Werkzeug, die Ersatzteile und die Elektronik ihren Platz?<\/p>\n<p>\u201cBalkan!\u201d ist alles, was Volker sagt. Wir sind ziemliche Umstandskr\u00e4mer in S\u00fcdosteuropa!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>tandem4family &#8222;Guck mal, ein Tandem!\u201c Selbst in einer radm\u00fcden Stadt wie Berlin, deren Bewohner l\u00e4ngst an alle radtechnischen Modeexzesse gewohnt sind, zaubert der Anblick eines P\u00e4rchens auf einem Tandem sogar dem frustriertesten Autofahrer im Stau ein L\u00e4cheln auf die Lippen. Tandems l\u00f6sen etwas in den Menschen aus und stimmen sie vers\u00f6hnlich. Vielleicht ist es die Vorstellung eines jungen Liebespaars, das zusammen durch bl\u00fchende Felder f\u00e4hrt, in Liebe auf dem einen Fahrrad vereint. 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