Verdorbener Kuchen und Luxusharem

Tal des Roten Flusses, 09.04. bis 01.05.2011

Heute Morgen trudelten die schlechten Nachrichten ein: Unser Hotel am See in Chengjiang ist leider überbucht und wir müssen auf eines in der Stadt ausweichen; Renate und Karin hatten gestern irgendetwas im Essen nicht vertragen und waren nicht wirklich einsatzfähig, um es vorsichtig auszudrücken. Das wir heute noch kein Fahrradfahren mussten, war für sie wohl Glück im Unglück, denn eine Busfahrt in der Verfassung ist auch nicht viel angenehmer. Dennoch schlugen sich beide tapfer und traten die mehrstündige Busfahrt zum Steinwald und anschließend nach Chengjiang an.

Zwei Stunden und geschätzte 293 Schlag- und Hüpflöcher später trafen wir im Steinwald ein. Als erstes haut einen der Eintrittspreis von umgerechnet etwa knapp 20 Euro vom Hocker. Die haben einen Knall die Chinesen! Aber offenbar haben wir einen größeren und nahmen unsere Eintrittskarten entgegen. Der Finanzschock war jedoch schnell verdaut, als man die Massen von Touristen sah, die alle mindestens einen gleich großen Knall hatten und sich durch den Eingangsbereich quetschten. Angeführt von vermutlich Han-Chinesen verkleidet als Hani Minoritäten drängelten sich alle die Wege entlang. Im Nachhinein hatten wir gesehen, dass es die Trachten aus zum Vermieten gab. Das gab natürlich einen Minuspunkt für mich, dass ich nicht auch entsprechend gekleidet die kleine Wanderung leitete. Gleich hinter dem Eingang bogen wir in einen kleinen Weg ein und stellten fest, dass wir innerhalb von 3 Sekunden von im Meer voller Touristen schwimmend uns plötzlich vollkommen alleine im Ozean der Karstberge befanden. Die Wege waren gut ausgebaut und reichten von gemütlichen Spazierwegen zu steilen und rutschigen Treppen a la Angkor Wat. Etwas unübersichtlich war es allerdings und man verlor sich schnell zwischen den Felsen.

Nach einem ausgedehntem Mittagessen ging es wieder weiter mit dem Bus. Wir merkten alle, dass das so nicht weiter geht: diese Völlerei und dann sich faul in den Bus setzen. Es wird Zeit, dass wir uns endlich auf die Räder schwingen und unsere Festmahle „verdienen“.

Chengjiang liegt an dem riesigen Fuxian See. Mit einer durchschnittlichen Tiefe von ca. 150 m ist er der tiefste See Yunnans. Leider hat man uns jedoch einen näheren Blick bisher verwehrt, da wir unsere Zelte in der Stadt aufschlagen mussten. Das Hotel ist sauber und macht auf den ersten Blick einen ordentlichen Eindruck. Der zweite Blick jedoch enthüllt sein wahres Gesicht. Außer Tee und Wasser auf den Zimmern gibt es hier auch Boxershorts, Damenschlüpfer und Pariser (Danke Sabine für die neue Vokabel) auf den Zimmern. Man hat wirklich an alles gedacht! Das Hotel ist umzingelt von drei KTVs (Karaoke-Bars), in denen sicher nicht nur Lieder gesungen werden. So ein feines Dreisterne Hotel mitten in so einer unspektakulären Stadt ist natürlich ein geeignetes Liebesnest für Wohlhabendere aus Kunming und Umgebung, was auch die BMWs und Benze auf dem Parkplatz erklären. Also stellten wir uns darauf ein, dass die Nachtruhe hier etwas unruhiger ausfallen wird.

Nun, wie bereitet man sich auf so eine Nacht am besten vor? Natürlich mit Yunnans Hirsenbräu. Damit sind auch 3 KTVs als Nachbarn zu bewältigen.

…nur die armen Renate und Karin. Wir werden sehen, was der morgige Tag bringt.


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Schwimmen auf Asphalt

Tal des Roten Flusses, 09.04. bis 01.05.2011

Hach Kunming… Irgendwie bist Du schon wie die meisten chinesischen Großstädte: Betonblöcke, riesige Baustellen, bunte Leuchtreklame, surrende Elektroroller, Geschäfte, Geschäfte und Geschäfte. Aber irgendwie bist Du es auch nicht: gelassen, wohl temperiert, eine angenehme Brise weht. Ja hier könnte ich bleiben. Kunming bringt die ganzen Vorteile von den chinesischen Städten mit sich lässt aber die meisten Nachteile aus.

Als Nr. 1 auf dem Tagesprogramm stand eigentlich Wielands Geburtstag.
Als vorbildlicher Reiseleiter wollte ich ihn natürlich nach dem Frühstück mit einem Kuchen überraschen. Aber durch perfekt abgestimmtes Timing hatte ich Frühstück um 8:30 angesagt, ohne zu wissen, dass alle Bäckereien der Stadt erst um 9:00 aufmachen. So kam ich um 9:20 zurück zum Hotel um festzustellen, dass alle Teilnehmer sich bereits wieder auf die Zimmer begeben haben, mit dem Hintergedanken, was für ein verschlafenen und verantwortungsunbewussten Reiseleiter sie doch erwischt haben. Nun gut… Verschieben wir also erst einmal das mit dem Kuchen.

Heute durften wir endlich unsere Räder besteigen und eine ausgedehntere Testfahrt durch Kunming machen. Die meisten von uns sind hier das erste Mal in China und mussten sich erst einmal an den Verkehr hier gewöhnen. Autos, Motorroller, Fahrräder, Menschen kommen von vorne, hinten, links, rechts… aber das alles in einem derart entspanntem Tempo, dass man in Ruhe wie in Zeitlupe in einem John Woo Action Film hier ausweichen, dort durch schlüpfen, da noch mit hinterher ziehen kann. Im Grunde genommen ist es wie Schwimmen durch den Strom. Ich kenne ja chinesischen Stadtverkehr und Kunming ist im Vergleich zu den meisten tatsächlich mindestens einen Gang runter geschaltet.

Unser erstes Ziel war der Yuantong Tempel. Ursprünglich aus dem Ende des 8. Jahrhundert wurde er öfter restauriert und ausgebaut. Der Legende nach wurde er erbaut um zwei Drachen, die früher in den Felshöhlen hausten einzufangen. Im hinteren Bereich gibt es eine Pagode, die von Thailand gestiftet wurde. Das ließ natürlich mein patriotisches Herz wieder höher schlagen.

Ich ließ es mir natürlich nicht nehmen bei der Gelegenheit Avalokiteschvara oder auch kruz Guanyin, die Göttin der Barmherzigkeit genannt um gutes Wetter und einer spannenden Reise zu bitten. Schließlich ist der Großteil der Chinesen auch nur an den buddhistischen Gottheiten interessiert, wenn was für sie bei rauskommen könnte: gute Noten, erfolgreiche Geschäfte. Das Nirvana haben die meisten längst abgeschrieben.

Anschließend machten wir einen Spaziergang durch den Cuihu (Grüner Teich) Park. Was als ein entspanntes Teetrinken und geruhsames Schlendern durch den Park angedacht war transformierte sich zu einem Open Air Festival mit geschätzten 15 Bühnen: Tanzgruppen, Gesangsgruppen, Musikanten… Alle gaben sie ihr Bestes. Leider war das Gelände etwas eng und wer sein Gehör nicht multitaskisch auf mindestens drei Kanäle aufteilen konnte, der bekam nur einen Matsch aus Rhythmus und Melodien mit. Aber an Spektakel hat es natürlich nicht gefehlt.

Nach einem Abstecher beim Fahrradladen, wo ich mich ordentlich ausrüstete ging es erstmal wieder zurück zum Hotel zum Entspannen. Das Abendessen war gewohnt außergewöhnlich gut und wir kamen abends im Hotel endlich zu meinem Kuchen. Ein gelungener Abschluss eines gelungenen Tages.

In diesem Sinne: Nochmal Alles Gute Wieland!


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In 30 Stunden um die halbe Welt

Tal des Roten Flusses, 09.04. bis 01.05.2011

Ab Berlin bis Kunming in knapp 30 Stunden… Erst S-Bahn dann Bahn dann Warten dann Flug dann Warten dann Flug dann Bus dann endlich im Hotel. Ein wenig seltsam kam es mir vor, über Bangkok zu fliegen und nichts anderes als den Flughafen zu sehen. Der Stadt meiner Jugend musste ich aber dann recht wehmütig den Rücken kehren um in endlich zur Stadt des ewigen Frühlings zu gelangen. Völlig erschöpft und mit dem einzigen Verlangen nach einer erfrischenden Dusche trafen wir im Camellia Hotel ein. So eine Reise nimmt einem etwas die Energie um noch große Taten zu vollbringen. Aber es ist ja der erste Tag. Heute war eingewöhnen angesagt. Und wie macht man das besser als abends einen ausgedehnten Spaziergang durch das Zentrum zu machen um im Lao Fangzi in gediegener Atmosphäre eines der wenigen noch stehenden alten Häuser in Mitten von Kunmings Herzens eine kaiserlich Mahlzeit sich zu gönnen. Mit Fisch süß-sauer, scharfgebratene sonnengetrocknete Yakstreifen und einer Menge kühlem Bier lässt sich die Strapaze schnell vergessen. Auch die im Namen der Gesundheit synchron zu China-Volks-Techno tanzenden Herrschaften auf den breiteren Abschnitten des Fußgängerwegs, muntern einen wieder auf und lassen etwas von ihrer Ausgelassenheit überspringen. Dennoch fielen fast allen die Augen zu beim letzten Gute-Nacht-Bier. Daher vorerst lieber Energie tanken. Ein großes Abenteuer steht ja noch bevor.

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Wetten

Hafen der Düfte, 26.03. bis 10.04.2011

Grüße aus dem Flughafenhotel Shanghai Pudong 168 (yao liu ba, ein pfiffiges Wortspiel, kann auf chinesisch auch „hier will ich bleiben“ heißen, aber das will ich lieber nicht). Hilde und Peter sind gerade weitergeflogen und Alexandra kann sich noch nicht von Hongkong trennen, die bleibt noch eine Nacht. Es war eine gute, unkomplizierte Tour, zu viert zu reisen ist natürlich ein Luxus. Man ist komplett flexibel, wir waren es jedenfalls. Meine Mitreisenden haben es mir leichtgemacht, danke für die angenehme Zeit!

Wir sind gestern wieder von Macau nach Kowloon gekommen, mit der Fähre. Derzeit wird von Lantau aus eine 50km-Brücke nach Macau und dem chinesischen Festland gebaut, Gott sei Dank, endlich 20min schneller in den Kasinos. Nachmittags waren wir dann u.a. in der dichtesten Gegend Hongkongs, da wo sein eigentliches Herz schlägt, in Mong Kok. Märkte über Märkte. Am Nachtmarkt von Yau Ma Tei haben wir zu Abend gegessen und danach Mahjong gespielt, das musste einfach der Abschluss unserer Tour sein. Ich habe tatsächlich mal ein Spiel gewonnen und zwar das letzte, es geht aufwärts. Heute dann Sha Tin, die größte „New Town“ in den New Territories, dort haben wir uns erstmal zum durchgeknallten Tempel der 10 000 Buddhas (und das ist noch Understatement!) begeben. Außerdem steht hier die größere der beiden Pferderennbahnen von Hongkong. Und wo wir schon mal in der Nähe waren…

Am schönsten sind eigentlich die Nachtrennen von Happy Valley, der anderen Rennbahn, auf Hongkong Island. Dort gibt sich die Gesellschaft ein Stelldichein und feiert im Flutlicht, eingehüllt von der Nacht und den Wolkenkratzern.

Aber Sha Tin ist auch grandios, vor allem wenn die Sonne so scheint und der Himmel so blau ist wie heute. Wir hatten von Kenny, dem Manager unserer Herberge in Tai Mei Tuk, Einladungen für den Mitglieder-Bereich des Hongkong Jockey Club bekommen und sind dann doch an der harten Tür gescheitert (es lag an meiner kurzen Hose, Anfängerfehler). Aber Pferderennen ist in Hongkong das Hobby und Laster des einfachen Mannes, wer will da schon zu den Snobs. Auf der Tribüne, direkt an der Bahn, in den riesigen Schalterhallen, da schlägt der wilde Puls unserer Zockbrüder und – schwestern. Das Wettgeschäft der Stadt ist auf die Pferde fixiert, wer sein Geld anders loswerden will muss eben kurz nach Macau fahren. Die Steuereinnahmen in Hongkong sind wie gesagt sehr gering, größter Steuerzahler ist der Hongkong Jockey Club, der das Wettmonopol verwaltet. Der HKJC ist eine Nonprofit-Organisation durch die die Gelder der Bewohner eben indirekt in staatliche Kassen gelenkt werden. Was an Gewinnen nach Steuern übrigbleibt, fließt in wohltätige Zwecke.

Ich habe nur verloren, aber zum Glück nicht viel eingesetzt. Mein letztes Pferd kam ein paar Längen hinter dem restlichen Feld ins Ziel, das war dann die endgültige Demütigung. Erstmal genug gespielt. Morgen fliege ich weiter nach Beijing und in ein paar Tagen lasse ich schon wieder von mir hören, dann trifft die nächste Gruppe ein. Mit der fahre ich durch die chinesische Pampa, also etwas ganz anderes. Jeden Tag werde ich von der Tour bestimmt nicht mehr schreiben können, aber Volker wird ja aus Tibet berichten und Niti aus Yunnan und Vietnam. Da geht einiges!

Euer eifriger Reiseblog-Schreiber Jan ; )

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Gute Hunde…

Hafen der Düfte, 26.03. bis 10.04.2011

…sind zum Beispiel „Gung Fu Dictionary“ und „Asakusa Sen“, beide haben mir den Abend gerettet und die Wettbilanz insgesamt ausgeglichen gestaltet. Andere Hunde haben auf der ganzen Linie enttäuscht. Vor den Rennen haben sich erstmal alle Wettkämpfer komplett entleert, weswegen es an der Hunderennbahn von Macau riecht wie in Teilen von Friedrichshain oder Neukölln (Heimweh?!). Das war unsere Abendunterhaltung, der weltbekannte Canidrom der Stadt, Teil des Glücksspiel-Lehrgangs. Kein großes Kino, eher schmuddeliges kleines B-Movie, bestechend durch seine Authentizität. Außer uns noch ein paar hundert andere Wetter, wenn überhaupt, die meisten alt und desillusioniert, der Großteil findet gar nicht erst raus an die Strecke sondern bleibt gleich in den Katakomben, bei den Schaltern und Monitoren. Eine aussterbende Kunstform, das Hunderennen. Also alles etwas morbid und seltsam, wahrscheinlich macht es gerade deshalb großen Spaß. Alexandra beobachtet, Hilde verzockt ihren ersten Einsatz und kneift danach schmählich und Peter kann in etwa die gleiche Bilanz wie ich aufweisen. Ich habe seinen Blick gesehen. Es soll in der Nähe von Bietigheim eine Rennbahn geben, hoffentlich war das nicht der Anfang vom Ende der Familie Z.

Aber ich drifte hier wieder in die völlig falsche Richtung, alles zu einseitig. Es wäre ignorant, Macau als Opfer von Spekulanten und Spielwütigen abzuschreiben, das haben wir heute wieder gemerkt. Die Besucherzahlenn steigen, aber das Alltagsleben, die macanesische Kultur und die Altstadt leiden bislang erstaunlich wenig darunter. Zwei Parallelwelten. Die Besucher verlassen ja kaum mal die Kasinos bzw. Vergnügungszonen um sie herum. Einige besuchen vielleicht pflichtschuldig die Touristenachse zwischen Largo do Senado und den Ruinen von S. Paulo. Vielleicht auch noch den A-Ma Tempel, um dort um gutes Gelingen zu bitten. Aber sonst verirren sich nicht viele Besucher ins Wirrwarr der Altstadtgassen. Das Leben geht hier gemächlich weiter.

Macau war auch immer entspannter – was Besitzansprüche und dergleichen angeht – als etwa Hongkong, die Portugiesen haben ein paar mal versucht, ihre kleine Kolonie von sich aus zurückzugeben. Das letzte mal nach der Nelkenrevolution 1974. Aber die VR hatte kein Interesse oder war mit wichtigerem beschäftigt. 1999 konnte man sich endlich einigen. Die VR lässt Macau machen, die Einnahmen stimmen ja.

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Macau, du Bastard!

Hafen der Düfte, 26.03. bis 10.04.2011

Die kleine portugiesische Kolonie von einst ist eine Geldmaschine geworden, über 80 Milliarden Euro gehen derzeit monatlich über die Tische der Kasinos, weit über eine Billion im Jahr! Las Vegas ist dagegen wie das jährliche Poker-Wochenende im Jugendhaus (etwas überspitzt, aber selber Schuld, dort wird nicht mal ein Drittel umgesetzt). Wir waren abends im Venetian, schon wieder das verdammte Venedig, wahrscheinlich habe ich deshalb ziemlich unleidig mein Pensum verzockt und gut. Meine Mitstreiter sind gar nicht erst in Versuchung gekommen, Chapeau! Venedig diesmal mit allem Pipapo. Markusplatz, Seufzerbrücke, Kanäle etc. etc., untergebracht im fünftgrößten Gebäude der Welt, fühlt sich größer an als das eigentliche Venedig. Natürlich ist es das größte Kasino der Welt, 3mal so groß wie der sieche Vorfahre in Vegas. 25 000 Leute sind hier beschäftigt.

Im Guardian gab es neulich einen interessanten Artikel über Macau und die Kasinos. Es sind fast nur Festland-Chinesen, die hier endlich ihre Spielleidenschaft entfesseln und Haus und Hof verzocken dürfen (der Staat streicht 39 Prozent vom Gewinn ein). Man darf als Bürger der VR eigentlich nur etwa 2000 Euro über die Grenze bringen, die meisten Spieler zahlen deshalb zuhause in Fonds ein, die von den chinesischen Triaden kontrolliert werden. Das Geld plus ein großzügig eingeräumter Kredit wird ihnen ausgezahlt,sobald sie in Macau ankommen, die Spieler bekommen außerdem die besten Konditionen und den feinsten Service der Kasinos, gespielt wird VIP-Räumen, wo unsereins nie hinfinden würde und nie hinfinden wollte, das hoffe ich jedenfalls für die allgemeine geistige moralische finanzielle Hygiene (immer wieder ein schönes Wort). Viele Chinesen begeben sich in unschöne Abhängigkeiten.

Aber wir waren ja zunächst da, wo Macau am ursprünglichsten ist, nämlich nicht in Macau. Sondern in Coloane und in Taipa, den Nachbarinseln bzw. der Nachbarinsel, denn das unscheinbare Stückchen Meer dazwischen ist längst zum „Cotai-Strip“ aufgeschüttet und in Beschlag genommen von der nächsten alles übertreffenden Casino-Generation. Die Inseln waren früher Piratensache und wurden erst Mitte des 19. Jahrhunderts von den Portugiesen in Besitz genommen. Am Südzipfel ist die kleine Siedlung Coloane, entzückend! Opfergaben gab es für Tin Hau bzw. Mazu, die Göttin der Seefahrer, einfach deshalb weil sie die Schutzheilige der chinesischen Küsten ist und sich sanft die meisten Tempel von Hongkong und Macau Untertan gemacht hat. Diese wurden an die Küsten gebaut und liegen inzwischen, zumindest in Hongkong, oft weit im Landesinneren.

In Coloane sollen ja die besten Eiertörtchen der asiatischen Welt produziert werden, in Portugal sind sie als Pastéis de Nata bekannt, tatsächlich ist der portugiesische Einfluss in der Ecke hier nach wie vor größer, als es zunächst den Anschein hat.In der Altstadt von Taipa essen wir ausgezeichnet Bacalao und Reis mit Meeresfrüchten, trinken dazu Sagres-Bier und grünen Wein, es ist skurril, dieses Gemisch aus portugiesischer und kantonesischer Kultur. Die Straßenschilder mit ihren ausufernden, portugiesischen Bezeichnungen (meistens katholische Heilige), darunter die hinterhergaloppierenden chinesischen Schriftzeichen.

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Qingming

Hafen der Düfte, 26.03. bis 10.04.2011

Es ist wieder relativ viel los auf Hongkongs Wanderwegen, denn heute ist Qingming, das chinesische Totengedenkfest. Das klingt jetzt vielleicht zusammenhangslos, aber Qingming ist Feiertag und die Menschen haben Zeit, auszuschreiten. Das Fest wird ernst genommen, Familien versammeln sich üblicherweise an Gräbern und Friedhöfen, Opfergaben werden abgebrannt und die Grabstellen gesäubert. Die South China Morning Post hat heute eine schöne Opfergabe abgebildet: die komplette Happy Valley-Rennbahn mit Pferden und Reitern und allem drum und dran, aus Papier. Für einen ehemaligen Wett- und Pferdenarr gedacht, hoffe ich mal. Früher wurden noch dazu im ganzen chinesischen Kulturkreis Straßenopern und andere Belustigungen dargeboten, einzig für die Geister der Ahnen, die an diesem Tag Auslauf haben und gut gestimmt werden wollen. Das alles scheint nun nicht mehr so wichtig, nicht mal Familienzusammenkünfte vor Gräbern haben wir heute gesehen. Aber wir haben auch kaum Gräber gesehen. Seltsam, die Gegend um Sai Kung und all die verlassenen Dörfer müssen dafür nicht das richtige Feng Shui bieten.

In Sai Kung und Umgebung haben wir nämlich unsere letzte Wanderrunde gedreht, auf und ab die fantastische Küste entlang. Angefangen hat die Tour beim High Island Reservoir, dem größten Stausee und wichtigsten Wassergeber der Stadt. Der Wasserstand war ganz schön niedrig, es wird Zeit dass die Regenzeit kommt, dauert ja nicht mehr lange. Hongkong hatte immer mit Wasserknappheit zu kämpfen, in den Sommermonaten schüttet es zwar täglich, aber es sind einfach zu viele Menschen auf zu wenig Raum. Ohne größere Flüsse, ohne einem wasserreichen Hinterland. Wir sind an einigen Reservoirs vorbeigewandert, u.a. dem ältesten auf Hongkong Island (Pok Fu Lam) und jetzt auch dem größten: das High Island Reservoir war politisch umstritten, geplant wurde es Anfang der 1970er, als absehbar war, dass zumindest die Territories 1997 an die VR zurückfallen würden. Die Briten wussten, dass sie das Megaprojekt schlussendlich für die Chinesen bauen würden. Die 1950er und 60er hatten einige extrem trockene Perioden, Wasser musste teuer vom Festland gekauft werden (wenn der Hahn nicht komplett zugedreht wurde), es bestanden also keine Alternativen. Von 1972 bis 1978 dauerten die Bauarbeiten, Leung Shuen Wan (High Island) wurde mit zwei Dämmen an die Sai Kung-Halbinseln angebunden, Hongkong dankt.

Wir sind zunächst über den östlichen Damm des Reservoirs gelaufen, dann die Tai Long Wan-Buchtenlandschaft entlang. Verschiedenste Schattierungen von blau und grau herrschen vor, eine herbe Schönheit. Mit dem Taxi geht es später wieder nach Kowloon und wir essen gut zu Abend, Teochew-Küche, das war es dann schon mit unser Wanderung. Schade. Wir sind immer besser in Tritt gekommen, das Wetter hat mitgespielt und es gibt noch viel mehr zu entdecken. Aber morgen steht Macau auf dem Programm. Die nächsten Tage werden im Zeichen des Glücksspiels stehen, und das bei meinem Horoskop…


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Schluff

Hafen der Düfte, 26.03. bis 10.04.2011

Schwer zu sagen wie „Siltstone“ übersetzt wird. Am ehesten „Silt“, wie einfallsreich, aber besser noch „Schluff“, was das eindrucksvollere Wort ist. Gemeint ist in beiden Fällen ein Sedimentgestein – beispielsweise ein Material, welches von den Hängen der Umgebung ins Meer erodiert, sich verfestigt und irgendwann auftaucht, z.B. wenn sich das Meer vor etwa 50 Millionen Jahren zurückzieht. So geschehen bei der Insel Ping Chau, die Gesteinsformationen dort sind besonders und unterscheiden sich von allem, was man als Geologe sonst so in Hongkong entdecken darf.

Ping Chau liegt im äußersten Nordosten der Hongkong SAR, wir haben nun also ihren südwestlichsten Punkt (Fan Lau) als auch den nordöstlichsten Punkt kennengelernt, Respekt! Die Insel ist abgelegen, wir sind knapp 30km mit dem Boot hierher gefahren, kaum Verkehr auf See, alles andere um uns herum wurde im Nebel eingedämpft. Zweimal sind wir von der Grenzpolizei kontrolliert worden, die Volksrepublik ist um die Ecke, ein paar Kilometer von der Insel entfernt. Die Küstenlinie steht direkt vor uns. Ping Chau war eine bekannte Schmugglerinsel, später wurde es von Flüchtlingen aus der VR angeschwommen, v.a. während der Kulturrevolution. Heute hat die Natur Besitz ergriffen und die leerstehenden Hütten sind fast allesamt zugewachsen. Ein paar Einwohner basteln trotzdem am ersten Stromnetz.

Später waren wir auf der Grasinsel, Tap Mun, das ist schon zivilisierter. Insgesamt bewegen wir uns langsam und vorsichtig voran, nur kein Stress heute. Beine und Rücken schmerzen nach der gestrigen Etappe, eigentlich nur mir habe ich das Gefühl. Es ist in jedem Fall gut, sich ein bisschen durch die abgelegenen Gewässer schippern zu lassen, kleine Spaziergänge und dann ein Nickerchen. Abends waren wir Grillen unter pubertierenden Legionen in Ferienstimmung, da schwebten einige Hormone in der Luft. Wo wir schon beim Thema sind: Nach einer kleinen Siegesserie unserer weiblichen Besatzung (Hilde und Alexandra haben bis jetzt unsere Mahjong-Spiele gewonnen) hat Peter heute zurückgeschlagen, danke dafür! Auch wenn ich persönlich mich ganz klein fühle und mich weit hintenan stellen muss.


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Sonntag Wandertag

Hafen der Düfte, 26.03. bis 10.04.2011

Unsere Wanderungen waren bisher einsam und kontemplativ. Obwohl das Wegenetz hier toll gepflegt und ausgeschildert ist: nichts war los auf den Wanderpfaden Hongkongs. Hier gibt es vier große Trails: den Hongkong Trail auf Hongkong Island, den Lantau Trail, den MacLehose Trail, der quer durch die Territories geht, und der Wilson Trail, vom äußersten Süden in den äußersten Norden. Dazu eine Menge kleinerer Wege und alle wohlgepflegt.

Dass die Trails wohl wichtig für die Bewohner der Stadt sind, haben wir heute gemerkt. Sonntag Wandertag, wie in meiner Kindheit. Gutgelaunte Gruppen singen die 9 Töne ihrer Sprache, ab und zu ein Wandersmann mit Kofferradio, das alten Cantopop spielt. Alle sind zuvorkommend und höflich. In Hongkong gibt es eine breite Mittelschicht, die Ausgleich und Bewegung sucht, in der Volksrepublik noch nicht. Radreisende und Wanderer sind im Mutterland noch sehr exotisch, kaum jemand würde für so einen Quatsch seine Energie verschwenden. Der VR China haben wir heute übrigens in den Hinterhof geschaut, aus dem dunstigen Horizont erhob sich mächtig die junge Metropole Shenzhen. Hongkong wird in naher Zukunft ein kleines nostalgisches Anhängsel der Megastädte am Perlfluss sein, da bin ich mir sicher. Es wäre nett, wenn es dabei so grün bleiben dürfte.

Gegen Mittag dünnt der Wanderverkehr etwas aus, was an unserem harten Programm liegt, das ist auf jeden Fall für Fortgeschrittene. Wir laufen dieser Tage den Wilson Trail entlang, heute Etappen acht und neun, das müssen die härtesten sein. Wir haben uns jede Aussicht redlich erschwitzt, es hat sich alles gelohnt. Etappe neun endet mit Pat Sin Leng, den „Acht Unsterblichen“, d.h. einem Kamm der sich in acht kleine Erhebungen auffächert, sehr schön und mythologisch. Aber schon davor ging es kilometerlang und noch viel unsterblicher bergan und bergab, und dann noch der ursprünglichen Aufstieg… Wenn Reinhold Messner seinen nächsten Nanga Parbat-Vortrag hält, werden wir dabei stehen und beiläufig die Daten 20km, knapp 1700 Höhenmeter fallenlassen. Dabei werden wir tun, als sei es ein Sonntagsspaziergang gewesen.


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New Territories

Hafen der Düfte, 26.03. bis 10.04.2011

Die Füße meiner Schutzbefohlenen werden gerade massiert, von vergnügten Festland-Chinesinnen, in einem schwach beleuchteten Hinterzimmer. Ich dagegen sitze im Irish Pub des Ortes und kann etwas schreiben über diesen sympathischen Ort Tai Po und die New Territories. Nebenher läuft West Ham gegen Man Utd, mit Hitz the Blitz, immer gut wenn die Kugel rollt.

Also, wir sind in den New Territories gelandet, die waren der Ausgangspunkt für den ganze Schlamassel der Briten. 1842 hatten sich diese Hongkong Island geschnappt, nach den Opiumkriegen. 1860, nach den zweiten Opiumkriegen, wurde Kowloon zum Teil des Empire erklärt (beides für alle Ewigkeit). Damit hatte man schon mal beide Seiten des Victoria Harbour für sich. In der Folge wurde klar, dass die Gegend um den Hafen zu exponiert war, man machte sich auch Sorgen um die Frischwasser-Zufuhr. Also wurde das Umland bis hoch zum Shenzhen-Fluss sowie 235 Inseln der Umgebung für 99 Jahre gepachtet, warum nicht einfach ein neuer Krieg dafür angezettelt wurde ist mir ein Rätsel. Wahrscheinlich fühlten sich die Briten inzwischen furchtbar rechtstaatlich, oder aber das chinesische Kaiserreich war inzwischen zu schwach und zu hilflos, um sich auch nur provozieren zu lassen.

99 Jahre waren 1997 um und die Kronkolonie Hongkong wurde zur chinesischen SAR (Special Administrative Region). 1982 hatte es die ersten Gespräche zwischen Margret Thatcher und Deng Xiaoping dazu gegeben, 1984 wurde die die Joint Declaration kundgetan, das komplette Gebiet sollte zurückgegeben werden. Die strategische Situation hatte sich nicht wesentlich geändert in den letzten 150 Jahren: Hongkong war ohne die New Territories und die Inseln nicht denkbar, außerdem waren schon die ersten Verträge unrechtmäßig.

Die älteste Siedlung der NT ist Tai Po, einstmals Fischernest und Marktflecken, v.a. für die Perlen-Fischerei bekannt. Heute ist es eine Satellitenstadt von knapp 300 000 Einwohnern, d.h. eine der ersten „New Towns“. In den späten 70ern wurden in einem staatlichen Programm Kleinstädte der Umgebung systematisch zu New Towns ausgebaut, entstanden sind mittlerweile 9 Städte mit bis zu 800 000 Einwohnern. Besonders viel Geld wurde in die Infrastruktur und den sozialen Wohnungsbau gesteckt, als wir in Tai Po eingelaufen sind haben wir uns am Portier vorbei in einen dieser Riesenklötze gestohlen. Dann haben wir uns die Welt von oben angeschaut.

Unsere Wanderung davor ging über den Tai Mo Shan, die höchste Erhebung Hongkongs (957m), zugegegeben, wir sind von halber Höhe losgelaufen. Aber dann 900 Höhenmeter bergab, dass ist ja eigentlich noch unangenehmer. Tai Po entschädigt uns, schmackhaftes Dim Sum, wuseliges Straßenleben.


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