Der Appetit nach dem Wellenreiten

Land der Tausend Elefanten, 16.12.2011 bis 8.1.2012

Von Muang Khua nach Oudomxay

Unsere Tour über den Ou hat uns den Grenzen zu den vietnamesischen und chinesischen Nachbarn sehr nahe gebracht; entsprechend viele dieser Landsleute trifft man hier in der nördlichsten Provinz Phongsali, es gibt vietnamesische Märkte, chinesisch anmutende Hotels und vieles mehr. Das hat sein Gutes, denn unsere heutige Fahrradetappe ist zwar lang, aber wir radeln mit der Kraft zuversichtlicher Waden: Zum Abendessen werden wir uns Chinesisch bekochen lassen! Klebereis und Salat aus Gehacktem mit Kräutern, Chili und Limette sowie die anderen fünf oder sechs Paradegerichte der laotischen Kochkunst haben wir schon eingehend verkostet und sind mehr als bereit für eine Abwechslung. Die meisten aus der Gruppe haben mit China by Bike auch schon einmal China beradelt und wissen deshalb genau, worauf sie sich freuen dürfen.

Um zum Festbankett zu gelangen, das uns in Oudomxay erwartet, gilt es sich in einer neuen Disziplin zu beweisen, dem Wellenreiten. Die kaum befahrene Straße 2E schlängelt sich über 100 km immer am Nam Thag entlang in die Nachbarprovinz Oudomxay und ist mächtig gewellt. Sie überbietet mit Leichtigkeit die mickrigen Wellen, die der Fluss aufwirft und stellt uns eine echte Ausdaueraufgabe: Die ersten 20 km hat man noch seine Freude am ständigen Auf und Ab, langweilig ist das auf keinen Fall. Je mehr Kilometer man jedoch sammelt, desto mehr spürt man, dass die kleinen Anstiege ein klein wenig zu lang sind, um mit dem Schwung des letzten Gefälles bequem hochzurollen. Es wird mühsam. Und immer mühsamer. Von jeder Kuppe sieht man schon hämisch den nächsten Mikroanstieg herüberwinken. Und spürt mittlerweile immer deutlicher, dass es nicht einfach nur auf und ab, sondern in der Summe sogar stetig aufwärts geht. Es sind nur wenige Dutzend Meter, aber was verstehen verkrampfende Waden schon von Zahlen?

Fast schon möchte man aufatmen, als wir nach dem wilden Ritt auf den Wellen zu guter Letzt noch zwei richtige Anstiege erklimmen dürfen, bevor wir uns bei der heldenhaften Einfahrt in die Provinzhauptstadt von den Massen bejubeln lassen dürfen, die die Straße säumen und frenetisch kleine Deutschland-Fähnchen schwenken. Wie bitte? Ob dort wirklich so viele Menschen von uns Notiz genommen haben? Also ICH jedenfalls habe sie gesehen UND gehört.

Gerührt stellen wir am Ziel beim routinierten Griff in den Schmutzbier-Kühlschrank fest, dass auch unsere heutigen Gastgeber sich für uns etwas Besonderes überlegt haben: Wir dürfen zwischen sage und schreibe drei Beerlao-Variationen wählen, : Das altbewährte Lager, dazu Beerlao Gold und das Kleine Schwarze. Festlich gestimmt fiebern wir unserem Abendmahl entgegen.

Dieses fällt tatsächlich denkwürdig üppig aus, denn als ich mit dem Koch (und Besitzer in Personalunion) vor seinem Kühlschrank stehe und seine Frischware begutachte, um das Menü zusammenzustellen, unterläuft mir eine Art chinesisch-laotische Bestellverwirrung. Ich gebe wie gewohnt den Hinweis, dass von jedem Gericht zwei Portionen aufgetischt werden sollen. Das hat sich bei der überschaubaren laotischen Küche bisher so bewährt, weil wir sonst an zwei oder drei Abenden bereits das gesamte Repertoire ausgeschöpft hätten. Im Verlauf des Bestellvorgangs schalte ich aber unwillkürlich auf die chinesische Methode um – die funktioniert nach der Daumenregel Zahl der bestellten Gerichte = Personenzahl+1, allerdings ohne doppelte Portionen – um die Vielfalt chinesischer Gerichte bestmöglich auskosten zu können. Muss wohl an der Sprache gelegen haben, denn wir waren beide froh, uns miteinander Chinesisch verständigen zu können. Erst viel später zurück im Hotel dämmert mir, dass ich im Schwung des Gefechts die Zwei-Portionen-Anweisung überhaupt nicht zurückgenommen habe und wir uns daher abends am Tisch der doppelten chinesischen Portion gegenübersehen dürften. Zum Glück habe ich die Telefonnummer des Kochs da und rufe gleich an, um ihn zu bremsen. Der ist jedoch – wie nicht anders zu erwarten – ganz chinesischer Geschäftsmann und behauptet standhaft, sämtliche bestellten Gerichte bereits vorbereitet zu haben (obwohl es noch fast zwei Stunden hin sind). Ein Abspecken der Bestellung sei deswegen völlig ausgeschlossen. Ich lasse es wohl oder übel erst einmal auf uns zukommen.

Tatsächlich wird die Tafel mit großen Ohs und Ahs quittiert; die Teller stehen übereinandergestapelt, weil selbst der großzügige chinesische Tisch mit der berühmten faulen Susanne nicht genug Platz bietet für die enorme Üppigkeit der Auberginen, Hühnchen, Bohnen, Kartoffelstreifen, Süßkartoffeln und und und. Wir zücken die Stäbchen, legen los und – oh Wunder – eine halbe Stunde später ist nahezu der gesamte Tisch geräumt. Die überschaubaren Reste werden für die morgige Mittagspause in Picknickboxen verstaut.

Mir gibt das Wunder dieses grenzenlosen Appetits noch lange Rätsel auf, dessen Zeuge ich soeben geworden bin. Sollte das etwa der sagenhafte Appetit nach dem Wellenreiten sein?

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Ou ou!

Land der Tausend Elefanten, 16.12.2011 bis 8.1.2012

Von Luang Prabang über Muang Ngoi nach Muang Khua

Nachdem wir uns in den letzten Tagen mit Radeln und Feiern so gefordert haben, kommt eine Entspannungspause sehr gelegen. Wir lassen also heute fahren und nehmen auf den bequemen Reisebussitzen Platz, die auf dem schmalen Langboot unseres Kapitäns ein neues Zuhause gefunden haben. Die solide Bauweise des hölzernen Dachaufbaus mit markant nach innen hervorstehenden Querbalken macht schon das Einsteigen für uns Langbeine zum Abenteuer: Das Boot ist lang, aber nicht sehr hoch – nur ein in angemessener Demut gesenkter Kopf garantiert beulenfreies Passieren. Ramón bietet der Gefahr furchtlos die verlängerte Stirn und landet einen Volltreffer.

Es geht zuerst zur Bootstankstelle, dann ein paar Kilometer den Mekong hinauf bis zur Mündung des Nam Ou, des längsten Binnenflusses von Laos. Wir biegen sodann in den Ou ab und halten direkt auf eine gewaltige Wand aus Kalkstein zu. Um diese Jahreszeit (dem ersten, kühleren Teil der Trockenzeit) ist der Wasserstand niedrig, aber der Fluss noch auf seiner ganzen Länge schiffbar. Die nächsten sieben Stunden pflügen wir stromaufwärts durch die Wellen in Richtung Muang Ngoi, durch Stromschnellen und im Zickzack herum um aus dem Wasser hervor ragende, bizarre Felsformationen.

Anfangs erscheint das eine oder andere Manöver unseres Bootsmannes halsbrecherisch: Es wirkt, als hielte er verwegen direkt auf die Felsen zu, so als wolle er absichtlich einen Zusammenstoß provozieren. Aber nachdem uns die Strömungen, in die er das Boot auf diese Weise hineinsteuert, ein ums andere Mal mit unsichtbarer Hand sicher um die Blöcke herumspülen, wächst unsere Zuversicht, dass der Mann (wie zu erwarten) genau weiß, was er tut. Für ihn birgt der Fluss schon lange keine Überraschungen mehr. Wir entspannen uns also allmählich und schauen in die Landschaft. Die Berge zu beiden Seiten sind mit Wald bedeckt: lianenbehangene Urwaldriesen durchmischt mit Bambushainen, Papayas, Bananen und unzähligen anderen tropischen Pflanzenarten, die unseren botanischen Sachverstand äußerst beschränkt erscheinen lassen.

Der nicht wilden, aber noch weniger beschaulichen Fahrt entsprechend sind wir mit Windjacken, Fahrrad- und Sonnenbrillen und Regenhosen gerüstet. Nicht zu vergessen unsere kleine blaue Verpflegungskiste, in der sich (noch) die Leckereien stapeln. Regelmäßig werden die Kameras aufregenden Fotomotiven an dem einen der beiden Ufer entgegengereckt und stellen uns vor kleine Teamaufgaben, wenn durch die einseitige Gewichtsverlagerung die prekäre Balance des schmalen Kahns gefährdet ist. Alle Aufregung hindert uns immerhin nicht daran, bisweilen in tiefe Meditation zu verfallen.

Zu Mittag picknicken wir heute ausgiebig auf einer Sandbank mitten im Fluss, es gibt Indisches und Quiche. Nach gut acht Stunden mit straffem Fahrtwind und dem mit der Zeit leicht monotonem Geräuschteppich aus Motorenknattern und Wasserplätschern erreichen wir dann Muang Ngoi, wo uns auf dem Weg zu den Bungalows die Mutterschalen begrüßen, die hier als Eingangstor arrangiert von den US-amerikanischen Segnungen künden, mit denen Laos im Zweiten Indochinakrieg zwischen 1964 und 1973 aus der Luft bedacht wurde. Offiziell wird bis heute daran festgehalten, es sei hier von den USA kein Krieg geführt worden – während die Spuren eben jenes Krieges noch immer und nur allmählich bereinigt werden können.

Am Namen unsereres Gästehauses zeigt sich, dass völlig zu unrecht typischerweise Japaner und Chinesen zu Zielscheiben von L-R-Witzen werden. Lattanavongsa? Rattanavongsa? Der unbefangene Wechsel zwischen den Schreibweisen auf den Hinweisschildern und Informationstafeln selbst innerhalb der Bungalows zeigt, dass auch die Laoten große Freude daran haben können, den (für sie) unerheblichen Unterschied zwischen beiden Lauten demonstrativ mit cooler Indifferenz zu behandeln.

Muang Ngoi hat sich in den letzten Jahren dem wachsenden Strom der Flussbefahrer aus aller Welt perfekt angepasst, ohne jedoch den Charme des verschlafenen Bauerndorfes eingebüßt zu haben. Auch einige Auswärtige haben sich bereits hier niedergelassen und verleihen dem Ort Eine kosmopolitische Note. Die von einem Schweden betriebene Wellness-Oase mit Dampfsauna und Massage ist aber äußerlich nicht zu unterscheiden von den Einrichtungen des laotischen Roten Kreuzes, wie sie in vielen Städten zu finden sind. Whisky-Eimer und Stampfbässe sind bis auf Weiteres nicht in Sicht. Der klassische Aufenthalt hier findet hauptsächlich auf einer der Restaurant-Terrassen statt, von denen sich der malerische Fluss und das weitere Umland überblicken lassen. Eine einzige vollwertige Dorfstraße bietet der Bummellust Auslauf, und so verbummeln die meisten aus der Gruppe die Zeit bis zum Abendessen.

Der zweite Tag unserer Flussfahrt ist kürzer, das Ziel nicht annähernd so charmant – wir lassen uns mit dem Aufbruch also soviel Zeit wie möglich und tanken gegen den kühlen Fahrtwind erst einmal Sonne. Abgesehen von einem halbstündigen Stopp im ebenso berühmten wie sympathischen Schnappsbrennerdorf (wo allerdings gerade Ebbe in den Tonkrügen herrscht) widmen wir uns heute noch intensiver der Meditation. Denn: Für das kommende 100-km-Tagespensum ist die richtige mentale Vorbereitung das A und O(u)!

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Kaffee-Lümmelei

Land der Tausend Elefanten, 16.12.2011 bis 8.1.2012

Luang Prabang

Zum Besichtigungsprogramm in Luang Prabang ist in den Blogs der Kollegen schon alles gesagt worden. Bemerkenswert an unserem heutigen Kulturteil ist lediglich, dass die Ausfallquote gemessen am gestrigen Beerlao-Verbrauch erstaunlich niedrig ausfällt. Der abschließende Fußweg zum Wat Xieng Thong fühlt sich vielleicht etwas länger an als üblich, aber unsere neugierigen Augen sind immerhin trotz gnadenlosen Sonnenscheins nicht zu klein, das älteste und schönste Kloster der Stadt gebührend zu würdigen. Für soviel vormittägliche Tapferkeit belohnen wir uns mit entspannter individueller Nachmittagslümmelei. Es ist ja kein Geheimnis, dass die Stadt seit ihrem neuerlichen Aufblühen selten einen Besucher gesehen hat, der standhaft genug gewesen wäre, den Verlockungen der gastronomischen Angebote zu widerstehen. Nach Tagen des Gewöhnaromas (dank an Thomas für die treffende Wortschöpfung) – verfeinert mit gesüßter Kondensmilch – schlägt die Sehnsucht nach einem Kaffee europäischer Machart nun mit Gewalt durch. Widerstand zwecklos.

Zum Abendessen verwöhnt uns heute Nisha, der beste Inder am Platz, bei dem wir uns auch gleich für den nächsten Tag mit Picknickverpflegung eindecken.

So lümmelt sich denn auch der Blog heute eins! Wer sich mehr Lesefutter wünscht, kann ja zu Nitis Eintrag rüberlesen.

Als Foto des Tages hat Ramón einen wunderschönen Sonnenuntergang beigesteuert, aufgenommen von einer Sandbank an der Mündung des Nam Khan in den Mekong.

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Frohweihnachtliches Nachtklettern

Land der Tausend Elefanten, 16.12.2011 bis 8.1.2012

9. Tag, von Kiu Kacham nach Luang Prabang

An diesem Morgen stehen die Geschwindigkeit des kalten Windes und die Geschwindigkeit der Küche, die die wärmenden Getränke servieren soll, in einem ausgesprochen schwierigen Verhältnis. Die hochschwangere Besitzerin unseres Motels ist gemächlich in der Küche zu Gange, rührt in der Bratpfanne, schneidet Fleisch. Ein servierbares Resultat ist vorerst nicht abzusehen. Bibbernd wartet die Gruppe, die Geduld ist natürlich in einer solchen Situation begrenzt. Yong und ich bieten an, mitzuhelfen, das wiederum scheint allerdings der Stolz der Chefin zu verbieten und sie lässt uns eiskalt links liegen. Mit etwas Beharrlichkeit erhalten wir immerhin die Erlaubnis, aus einer Kohleschale und einem Grillrost selbst einen Toaster zu bauen, um halbwegs knuspriges Baguette servieren zu können.

Vielleicht ist Ihnen aufgefallen, dass vom Wetter in diesem Blog bisher keine Rede gewesen ist. Auf den Fotos werden sie immerhin keine Regenwolken gesehen haben. Tatsächlich ist heute der erste Tag mit ein wenig trübem Himmel, zudem weht auf knapp 1400m ein eisiger Wind, daher das oben erwähnte Bibbern am Tisch des zur Straße hin offenen Frühstücksrestaurants.

Das heute eher absolvierte als genossene Frühstück ist aber schnell vergessen, denn die 20 km lange Traumabfahrt, die unsere heutige Einfahrt nach Luang Prabang einleitet und die wir dank einer Baustelle im Tal praktisch frei von Gegenverkehr ausfahren können, macht nicht nur glücklich, sondern lässt auch die Umgebungstemperatur deutlich ansteigen. Unten angekommen können wir uns ohnehin aus den Windjacken schälen, denn es schließt sich nahtlos ein 600m-Aufstieg an, nach dem die Morgenkälte endgültig vergessen ist.

Unsere gute Tat für heute besteht darin, dem australischen Pärchen, dass schon seit Vang Vieng parallel zu uns radelt, Hilfe zu leisten: Ihr ist ein Huhn ins Rad gelaufen, was sie zu einer Körper-Asphalt-Bremsung bewogen hat. Jetzt steht sie unter Schock und ist vorerst nicht in der Lage, ihr gepäckbeladenes Rad zu manövrieren. Radlerin nebst Rad finden also bis zum Mittagessen in unserem Begleitfahrzeug Platz, bis wohin die schwierigsten Bergpassagen schon hinter uns liegen. Ihr Begleiter Peter wird so lange in unseren Pulk aufgenommen und hält gut mit, obwohl er das Angebot ausschlägt, auch sein Gepäck auf den Transporter umzuladen. Ist halt eine Frage der Ehre.

Beim Mittagessen machen wir uns mit einer lokalen Spezialität vertraut: Getrocknete Flussalgen. Während der Trockenzeit (bei niedrigem Wasserstand) sieht man überall um Luang Prabang Frauen und Kinder, die bis zur Hüfte in den Flüssen stehen und die Gewächse vom Grund ernten. Die Algen werden gewaschen, entwirrt und gekämmt, gewürzt, zum Trocknen in der Sonne hauchdünn auf Bambusmatten ausgebreitet und mit Sesam, Knoblauch oder Tomatenscheiben dekoriert. Knusprig frittiert passen sie prima zu einer Flasche Beerlao. Der Geschmack gleicht japanischem Nori; die Sushiliebhaber sind natürlich begeistert.

Nach dem Essen lockeres Radeln durch die Ebene, noch ein fieser Schlussanstieg – der Körper hat die Königsetappe noch nicht vergessen -, abschließend ein paar selbstfahrende Kilometer, und wir sind da. Zum ersten Mal seit Vientiane wieder einmal eine Stadteinfahrt, die den Namen verdient. In den sechs Jahren seit 2005 ist die Einwohnerzahl der Stadt von 47000 auf über 100000 explodiert, was sich an ausgedehnten Vorstadtgebieten bemerkbar macht. Angefangen hatte der Boom 1995, als die UNESCO die Stadt in die Liste des Weltkulturerbes aufnahm und damit aus einem zwanzigjährigen Dornröschenschlaf weckte – vor allem der Sakralarchitektur wegen. Auf der Liste der geschützten Objekte finden sich über 220 Vats (buddhistische Klöster), daneben einige französische Kolonialabauten und traditionelle Stelzenhäuser aus der Ära der Monarchie, die nach deren Ende vor sich hin bröselten. Die Farbe der Stadt ist das Safrangelb der Mönchsroben.

Das Kulturprogramm ist allerdings erst morgen dran, nach einer kleinen Orientierungsrunde durch die Stadt halten wir deshalb erst einmal Siesta. Für den Weihnachtsabend wollen wir fit sein, zumal wir zur gemeinsamen Feier die zweite Gruppe von China By Bike treffen werden, die gerade mit meinem Freund und Kollegen Niti auf der Tour Goldenes Dreieck unterwegs ist und heute ebenfalls in die Stadt kommt. Bisher war die einzige Reminiszenz von Weihnachten der hochgewachsene, üppig blühende Weihnachtsstern, ein ständiger Begleiter auf allen unseren Radetappen.

Beim laotischen Fondue (sindat) in einem lebhaften Gartenrestaurant am Südhang des Phou Si (sprich: pu ßie) mit Lagerfeuer und Weihnachtsmützen (Zipfel nach vorn!) stoßen wir mit Niti und seiner Mannschaft aufs China by Bike X-mas Blinddate an. Beim Essen steigert sich die Stimmung soweit, dass sich in die weihnachtliche Festlichkeit sogar verfremdete Osterbräuche einschleichen. Ramón schließt als besonderes Weihnachtserlebnis Bekanntschaft mit Väterchen Frost höchstpersönlich. Das war bei dem milden Wetter kaum vorherzusehen, sonst wäre er sicher mit Windjacke gewappnet zum Weihnachtsessen erschienen. Gerade als das Fondue mit Beerlao verfeinert wird, trifft auch Claudia eine sibirische Windböe.

Um das Verständnis der Laoten insbesondere für die vermeintlichen deutschen Osterbräuche und plötzlich verschwindende Weihnachtsmützen nicht zu weit zu strapazieren, ziehen wir in ein Haus des Gesangs weiter und entführen auch einen Teil von Nitis Gruppe. Die Tuktuk-Fahrt nutzen wir zum Aufwärmen der Stimmen mit festtagsgerechten Melodien. Das englischsprachige Repertoire im Full Moon ist nicht zu verachten, und so fühlen wir uns dort noch eine ganze Weile wohl. Der Nachtportier unseres Hotels hatte wohl gar nicht mehr mit uns gerechnet, und so stellt es sich als günstige Fügung heraus, dass wir genug erfahrene Bergsteiger in der Gruppe haben und aus eigener Kraft zu unseren Zimmern gelangen.

Alles in allem eine ausnehmend dionysische Angelegenheit. Weihnachten 2011 war schön!


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Die silberne Beerlao-Radelmedaille

Land der Tausend Elefanten, 16.12.2011 bis 8.1.2012

8. Tag, von Kasi nach Kiu Kacham

Eine Königsetappe zu bewältigen erfordert ein hochmotiviertes Team und exzellente Rahmenbedingungen. Unter anderem eine angemessene Energieversorgung unterwegs. Entsprechend üppige Vorräte haben wir in Kasi angelegt, so dass unser Begleitfahrzeug für heute zum ‘Gebäcktransport’ umgetauft wird. Als wir während der Mittagspause in Phou Khun überdies auf einen Stand stoßen, der eine Art Faschingskrapfen feilbietet, und eine mächtige Portion erbeuten, ist abzusehen: An der Versorgung wird es heute nicht scheitern.

Wir schwingen uns zeitig in den Sattel und kommen so in den Genuss der frühmorgendlichen Stimmung, in der sich die Sonne langsam durch den Nebel zwischen den Karst-Zuckerhüten vorarbeitet, während in beide Richtungen die Schulkinder zu Fuß und mit Fahrrad zum nächsten größeren Dorf unterwegs sind. Um das respekteinflößende Pensum von über 2400 Höhenmetern bei 93 km Strecke zu meistern (Höhenprofil wie immer am Artikelende) – für die meisten von uns die bisher anspruchsvollste Radetappe überhaupt -, haben wir uns vorgenommen, ohne Hektik und mit einem angemessenen Pausenrhythmus zu fahren.

Den ersten Halt legen wir nach knapp 14 km am höchsten Punkt des Aufwärmbergs ein, bevor wir die Deluxe-Steigung angehen: über 800 m, verteilt auf 14 Streckenkilometer (ein durchschnittlich immerhin gut 7%iger Anstieg), mit nur einer kurzen Ausruhpassage auf halber Höhe. So respektabel die Statistik sein mag – im Praxistest erleben wir einen freundlichen Aufstieg, der für die Reststrecke optimistisch stimmt. Kurz vor dem Pass treffen wir einen gutgelaunten thailändischen Motorradclub. Alle fahren phänomenal gepflegte Qualitätsbikes eines nicht ganz unbekannten deutschen Herstellers; kein Wunder, dass wir schnell im Gespräch sind. Mit Stielaugen schauen wir dem winkend abfahrenden Tross nach (die Motorradfahrer-Quote in der Gruppe ist eher überdurchschnittlich).

Wir pausieren uns nun von Passhöhe zu Talsohle zu Passhöhe zu Talsohle etc. weiter, wo wir jeweils unseren Gebäcktransport (der wie immer auch Obst und Wasser geladen hat) erleichtern und erleichtert über die gewonnenen Kilometer aufs nächste Teilstück gehen: km 26, km 33, km 41, km 51, km 60, km 71. Es wird noch einmal spannend: Nach einer langen Abfahrt windet sich die Straße in drei weiteren größeren Anstiegen noch einmal aufwärts auf unsere Zielhöhe von knapp 1400 m. Wir bleiben cool und pausieren uns geschlossen eisern durch: km 78, km 86, km 92. Bei jeder Pause werden intensiv die bevorstehenden Kräuselungen des Höhenprofils studiert und die Waden mental vorprogrammiert.

Nach gut 11 Stunden erreichen wir in einem triumphalen Zieleinlauf Kiu Kacham und unsere Herberge, ein eher sachliches Fernfahrermotel, dessen Zimmerausstattung asketischen Charme hat: Bett, Tisch, Stuhl, Kleiderständer. Zwei Duschen für alle, von denen eine wegen des defekten Durchlauferhitzers aus der Küche eimerweise mit Heißwasser versorgt wird. Einige bevorzugen da die gute alte Katzenwäsche mit Waschschüssel.

Die Küche tischt solides, aber einfaches Essen auf – wenig geeignet, unseren heutigen Erfolg ordnungsgemäß zu feiern. Das soll natürlich in Luang Prabang am Weihnachtsabend nachgeholt werden. Schließlich haben wir heute neben neun Königsetappenkronen zusätzlich die inoffizielle Beerlao-Radelmedaille in Silber erlangt, die höchste bisher tatsächlich erreichte Stufe lokaler Pedalmeisterschaft – vergeben für außerordentliche km-Leistungen auf bergiger, asphaltierter Strecke. Als Steigerung wäre noch möglich: die Goldene Radelmedaille (Berge auf Staubpiste) und die Große Klebereismedaille am Band (Berge auf Staubpiste mit Winkekindern zur Regenzeit). Die beiden höchsten Ehrungen sind jedoch bislang nur von theoretischer Bedeutung, so dass wir uns auch mit Silber schon zur Elite zählen dürfen.

Dieser erhebende Gedanke unter dem brettharten Kopfkissen mildert die Unnachgiebigkeit der Matratzen heute nacht allerdings nicht spürbar. Eher schon die Aussicht auf das morgige Domizil am anderen Ende der Komfortspanne.


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Sorry, just Lao food!

Land der Tausend Elefanten, 16.12.2011 bis 8.1.2012

7. Tag, von Vang Vieng nach Kasi

Nach den letzten Schotterpassagen hinter Vang Vieng wird der Straßenbelag deutlich geschmeidiger, man könnte auch sagen: der Landschaft angemessen, die zunehmend den Blick zum Umherschweifen einlädt. Spektakuläre Karstkegel und -wände, bedeckt mit saftigem Grün, Bambuswälder, Bananenstauden. Große Monokulturen sind von der Straße aus nicht zu sehen, eher überschaubare Anpflanzungen von Zuckerrohr, Teak, Bananen und vereinzelt Ananas.

In den Dörfern passieren wir heute endlose Reihen von Verkaufständen. Zentnerweise Mandarinen, kunstvoll zu großen Pyramiden aufgeschichtet, warten dort auf Käufer. Es muss sie also abseits der Straße doch geben, die Monokulturen. Die Straße wird ab Mittag von unzähligen Fernreisebussen passiert, die Einheimische und Touristen zwischen Luang Prabang und Vientiane transferieren.

Für uns bedeutet der Weg von Vang Vieng nach Luang Prabang eine dreitägige laotische Landpartie: Die nächsten Etappenziele Kasi und Kiu Kacham bieten deutlich mehr Lokalkolorit und weniger touristisch konfektioniertes Ambiente. Die Strecke mit dem Fahrrad zurückzulegen, ist trotz der zahlreichen Anstiege bis auf über 1400m dennoch dem Bus vorzuziehen. Nicht nur um der Freiheit willen, jederzeit an landschaftlich herausragenden Punkten Fotostopps einlegen zu können (beim Halt auf einer Brücke über den Xong erkennen wir direkt vor uns ein Postkartenmotiv aus Vang Vieng wieder); man spart als Radler zudem die eine oder andere Spucktüte ein, die auf der kurvenreichen, mitunter in engliegenden Serpentinen verlaufenden Straße von den Passagieren der häufig am Tempolimit umherbretternden Busse gefüllt werden dürfte. Nicht zu vergessen die berauschenden Abfahrten, die immer wieder für kilometerlange Anstiege entschädigen.

So sind wir denn nicht die einzigen Radler auf der Strecke und treffen in den folgenden Tagen mehrfach alte Bekannte aus Vang Vieng wieder: Ein Schweizer Pärchen, eines aus Australien, später kommt George dazu, ein alleinreisender Thai. Angesichts der langen, manchmal garstigen Steigungen sind wir einigermaßen froh, im Unterschied zu unseren individuell reisenden Mitradlern den Großteil des Gepäcks unserem laotischen Fahrer Laa anvertrauen zu können.

Für heute kommen wir mit einem großen Berg und 590 Metern Gesamtaufstieg noch sehr gediegen davon und rollen nach knapp 60 km gemütlich am frühen Nachmittag in Kasi ein, wo uns nicht nur unsere Schweizer Freunde schon erwarten, sondern auch absurd große Bungalows im Tanzsaalformat und ein – gemessen an der Größe und Bedeutung des Ortes – sehr ordentlicher Standard: Statt dem weit verbreiteten Überschwemmungsbadezimmer, in dem man je nach persönlicher Reichweite gleichzeitig duschen, Zähne putzen und auf der Brille sitzen kann, gibt es eine noble gemauerte Duschkabine. Über Details wie Waschbecken ohne Wasserzufuhr oder (wahlweise) mit verstopftem Abfluss lässt sich da großzügig hinwegsehen.

Im Restaurant geht es im Vergleich zu Vang Vieng sehr rustikal zu: Die Köchin hat unser Menü für den Abend bereits ungefragt zusammengestellt, so dass die Essensbestellung für heute entfällt und ich nur hier und da ein wenig ändern und ergänzen kann. Ihre Auswahl trifft praktischerweise unseren Geschmack schon ganz gut.

Generell haben wir ein absolut positives Verhältnis zum laotischen Essen entwickelt. Als Kenner der chinesischen Küche mit ihrer unerschöpflichen Vielfalt an Zutaten, Zubereitungen und Geschmacksnuancen haben wir natürlich schnell bemerkt, dass man in Laos die Messlatte insgesamt etwas tiefer hängen muss. So lange es schmeckt, ist das jedoch zweitrangig, und jede Neuentdeckung willkommen (ausgenommen Krabbenpaste!). Niemand konnte die tiefen Sorgenfalten verstehen, in die sich Yongs Stirn legte, als er sichtlich unzufrieden vor einigen Tagen von einer Restaurant-Erkundung zurückkam und verkündete:

Sorry, no noodle soup here. Just Lao food.

Klar, dass längst ein running gag daraus geworden ist.


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Maulbeershake gegen Whisky-Eimer

Land der Tausend Elefanten, 16.12.2011 bis 8.1.2012

6. Tag, Vang Vieng

Ein Eldorado des Fremdschämens. Ein Ballermann Südostasiens. “Aber der Norden ist schön!” ist ein bekannter verbaler Reflex auf naserümpfende Missbilligung des Treibens an diversen Stränden Mallorcas. Genauso möchte man jedem, der Vang Vieng in Grund und Boden kritisiert, entgegnen: Aber die Landschaft ist tatsächlich wunderschön, und die britisch-australische Jugend wird sich irgendwann ausgefeiert haben – zumal, wenn der Trend im Ort zukünftig eher zum gediegenen Bungalow-Resort als zur Discount-Absteige für Rucksacktouristen geht. Was bleiben wird, nachdem die Pioniere des Banana Pancake Trail weitergezogen sind, weil anderswo die Whisky-Eimer größer und billiger sind: der idyllische Fluss Nam Xong, malerische Kalsteinfelsen, eine professionelle touristische Dienstleistungs-Infrastruktur. Die das gesamte Tal beschallenden Wummerbässe von der “Party-Insel” sind dem Vernehmen nach bereits weniger geworden und verstummen um 18 Uhr.

Als DIE Sensation der Tropfsteinhöhle Tham Chang, die unser heutiges Ausflugsprogramm einleitet, werden uns alle die buddhistischen Mönche und Novizen in Erinnerung bleiben, die wie wir zur Besichtigung dorthin gekommen sind. Nicht nur werden wir von den safranfarben Gewandeten aufs gemeinsame Foto gebeten (dies kommt in China im Unterschied zu Laos unentwegt vor); auch gelingt es in einem günstigen Moment, einen verstohlenen Blick auf die vor der Höhle in einem Bach badenden Mönche zu erhaschen und das Rätsel zu lösen, das die Gruppe schon seit einigen Tagen umtreibt: Was trägt der buddhistische Mönch eigentlich drunter? Natürlich verbietet die Diskretion an dieser Stelle, unsere Entdeckung im Detail hier auszubreiten. Sie werden ja hoffentlich selbst einmal Gelegenheit haben, dem Geheimnis auf die Spur zu kommen.

Anschließend machen wir uns mit den Streckenverhältnissen abseits der Nationalstraße vertraut: Gut 6 km geht es über eine steinige Staubpiste und durch ein Weberdorf zur ‘Blauen Lagune’. Der schattige Platz lädt zum Baden und Entspannen ein, bevor wir zum Mittagessen die 1996 gegründete Bio-Kooperative nördlich des Ortszentrums von Vang Vieng ansteuern, die sich auf die Kultivierung von Maulbeerbäumen in ökologischer Landwirtschaft spezialisiert hat. Hier wird alles nur Erdenkliche aus Blättern und Früchten der Maulbeere hergestellt.

Den ersten Eindruck der Organic Farm direkt am Xong-Fluss dominiert leider die Störakustik vom gegenüberliegenden Ufer: Wir befinden uns nun sozusagen mitten in der Höhle der Partylöwen, so nah sind wir dem Epizentrum der Bassdetonationen und der Quelle, die die Whisky-Eimer speist, bislang nicht gekommen. Das Urteil ist augenblicklich in allen Gesichtern abzulesen: Mehr als gewöhnungsbedürftig. Die exzellenten Maulbeer-Joghurt-Shakes reißen uns zum Glück wieder aus dem temporären Stimmungstief, auch die Maulbeerpfannkuchen (amerikanische Art) gefallen und die Maulbeerblätter-Tempura wird immerhin wohlwollend als interessant eingestuft.

Nach dem Essen freuen wir uns wieder auf die beschauliche Ruhe unseres Resorts. Einige lassen sich vom Begleitfahrzeug absetzen, der andere Teil der Gruppe paddelt mit Kayaks über den Xong in den Sonnenuntergang. Das Hotelrestaurant hat sich bereits am ersten Abend als gute Wahl erwiesen und speist uns auch heute vorzüglich. Wir sind wieder mit Vang Vieng versöhnt.


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Oh, Alter!

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5. Tag, vom Nam-Ngum-Stausee nach Vang Vieng

Beschaulich lässt sich für uns der Tag auf einer Barke an, wir gleiten in der Morgensonne über den Stausee. Noch leicht jetlägerig räkeln sich einige auf den Holzbänken in der Sonne, andere lesen und der Rest schaut den vorbeiziehenden Inselchen hinterher. Trügerische Idylle: Auf zwei der Inseln unterhält die Vientianer Regierung Gefängnisse für politische Gefangene, im kommunistischen Fachjargon ‘dekadente Elemente’ genannt. In einem Staat, in dem faktisch keine Meinungsfreiheit vorhanden ist und die Urheber unliebsamer öffentlicher Äußerungen schnell als umerziehungswürdig beurteilt werden, kann der Weg hierher für jeden Laoten gegebenenfalls sehr kurz sein.

Wir gehen am nördlichen Ende des Sees am Fischerdorf Tha Heua von Bord und verabschieden uns vom Kapitän. Am Uferhang ist gerade eine Ferienanlage in noblem Teakholzgewand im Bau. Der französische Besitzer der Anlage kommt ebenfalls zum Steg, um uns in Empfang zu nehmen. Er weist auf einen Stapel Holzstämme, die in einigen Metern Entfernung liegen. Dies sei alles feinstes Teakholz, das aus dem Unterwasser-Holzeinschlag im See stamme. Es kämen Taucher zum Einsatz, die in der Tiefe mit Luftdruck betriebene Sägen schwingen. Was man dabei an Mehraufwand investiert, wird beim Transport wieder eingespart: Die Stämme flutschen durch ihren eigenen Auftrieb zur Wasseroberfläche und können unaufwändig mit Booten ans Ufer geschleppt werden, wo aus ihnen der nächste Ferienbungalow gezimmert wird.

Die Hauptstraße im Ort ist gesäumt von zahllosen Verkaufsständen, die hauptsächlich getrockneten Fisch aus dem See in allen Größen und Arten feilbieten, dessen Aroma sich in der Mittagshitze gut entfaltet. Olfaktorisch harmlos nimmt sich der Fisch allerdings aus gegenüber der Krabbenpaste, mit der Yong sich beim Mittagessen wie gewohnt seine Chilies bestreicht. Wir haben inzwischen – nicht ohne Genugtuung – beobachtet, dass auch er ab und an mit der Schärfe zu kämpfen hat und nach Luft ringend hektisch zu Reis und Wasser greift. Uns mundet die Nudelsuppe bislang auch ohne streng riechende und allzu feurige Zusatzwürze, und vom Glas mit der graufarbenen Krabbenpaste wird nur als Mutprobe (sehr!) kurz der Deckel gelüftet.

Die Strecke nach Vang Vieng, die wir anschließend in Angriff nehmen, ist nur laue 23 km lang, bietet aber eine Menge. Eine Menge Landschaft, denn bald schrauben sich beiderseits der Strecke die berühmten Karstformationen in den Himmel, denen unser heutiges Etappenziel seine große Beliebtheit verdankt. Leider auch eine Menge Schotter, denn bereits seit einiger Zeit ist hier eine Erneuerung des Straßenbelags in Planung. Gewissenhaft ist dazu in regelmäßigen Abständen der Asphalt aufgeschreddert worden. Seitdem ruhen die Arbeiten mit ungewisser Zukunft. Der Euphorie der Winkekinder entlang der Strecke tut dies zwar keinen Abbruch, verlangt uns aber eine neue Dimension radeltechnischer Finesse ab. Als wir Vang Vieng erreichen, haben alle aus der Gruppe eine neue Qualifikationsstufe auf dem Weg zum Prädikat ‘laosgeprüfter Radspezialist’ erreicht. Mit Schmutzbier respektive fruchtigem Schmutzshake belohnen wir uns für den beachtlichen Lernfortschritt.

Vom Gewusel der Rucksackabenteurer, die Vang Vieng unlängst zu einem der wichtigsten Stationen des sogenannten “Banana Pancake Trail” geadelt haben, bleiben wir vorerst unbehelligt. Das CBB-Büro hat unser Domizil hier mit Bedacht nicht zuvorderst nach zentraler Lage ausgewählt. Statt der wummernde Bässe der Partymeile begrüßt uns daher dankenswerterweise nur das dezente Plätschern des Xong-Flusses, an dessen Ufer wir heute unsere Bungalows beziehen.

Abends wagen wir uns zwecks soziologischer Erkundungen dann doch freiwillig ins Ortszentrum bis auf die Party-Insel vor. Für den Fall, dass irgendwelche Teenager eine(n) von uns kritisch beäugen und sich nach unserem Begehr erkundigen sollten, haben wir uns mit einer fabelhaften Ausrede gewappnet: ‘Ich? Äh… Ich suche nur meine Tochter’. Wir finden, das dürfte absolut glaubhaft klingen. Das klägliche Resthäufchen Feiervolk, das wir antreffen, ist jedoch überwiegend zum Fragen zu betrunken; die meisten scheinen um diese Zeit bereits ihren Rausch auszuschlafen. Für die leckeren Crèpes vom Straßenstand und den echten Espresso in der örtlichen Bäckerei hat sich der Ausflug immerhin mehr als gelohnt.

Als uns auf der schmalen Brücke über den Fluss ein knapp Zwanzigjähriger mit einer ordentlich angetüdelten Schönheit auf dem Arm entgegenkommt und prompt anspricht, weil er uns Deutsch sprechen hört, ist die Anspannung nicht mehr zu halten und das zurechtgelegte Sprüchlein bricht aus Matthias heraus: ‘Ich suche doch nur meine Tochter.’ Niedergeschlagenheit und Mitleid mischen sich im Blick des Zwanzigjährigen, als er daraufhin schwankend stehenbleibt und Matthias kopfschüttelnd intensiv mustert. Betroffen entfährt es ihm leise: ‘Oh, Alter!’


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Winkekinder und Eismädchen

Land der Tausend Elefanten, 16.12.2011 bis 8.1.2012

4. Tag, Von Vientiane zum Nam-Ngum-Stausee

Das hervorragende Frühstück im Khamvongsa Hotel ist der ideale Treibstoff für die ersten 65 km unserer Ausfahrt aus der laotischen Hauptstadt in Richtung Norden. Das Fahrgefühl in der Tiefebene um Vientiane erinnert stark an den Issaan in Nordostthailand, wie man ihn auf der CBB-Tour Auf den Spuren der Khmer erleben kann: Ausgedehnte Fahrradmeditationen inmitten einer völlig flachen Landschaft, die sich hauptsächlich im Kleinen verändert, während die Grundierung aus Reisfeldern – kilometerweit zu beiden Seiten der Straße -, kleinen Waldstücken, Zuckerrohr-, Teak- und Kautschukanpflanzungen sowie gelegentlichen Straßendörfern gleichförmig vorbeizieht und zum Abschalten einlädt.

Mit zunehmender Distanz zur Stadt nimmt der Verkehr auf der Straße ab, gleichzeitig werden die vom Straßenrand her grüßenden und winkenden Kinder zahlreicher. Nach Schulschluss am frühen Nachmittag bestimmen die heimkehrenden Schulkinder in ihrer einheitlichen Schulkleidung das Straßenbild und machen mit ihrem zum Abklatschen weit ausgestreckten Händen mitunter den Raum auf der Straße für uns eng. Merke: Die Kleinen mögen goldig wirken; die Wucht ihrer nur optisch kleinen, übermütig drauslosklatschenden Pranken Händchen unterschätzt zu haben, wird allerdings schon so mancher schwer strauchelnder Radler bereut haben.

Zum Glück sind wir auf der Straße Nr. 13 unterwegs, einem Stück Vorzeige-Infrastruktur, das uns vorerst bis nach Luang Prabang ein ausgewogenes Mischungsverhältnis von mehr oder weniger sanftem Dahingleiten und dem für eine richtige laotische Landpartie unentbehrlichen Holpern garantiert. Holpern plus Schulkinder gehört zu den Laos-Fahrradlektionen für Fortgeschrittene, soweit sind wir aber momentan noch nicht.

Für Yong hält der Tag nach dem Mittagessen auf einer ruhigen Terrasse am Fluss Nam Ngum ein besonderes Dessert bereit: Ein bezauberndes Eismädchen in einem der Straßendörfer, das ihm spontan ein lautes “wunderschön” entlockt. Yongs deutscher Wortschatz hat natürlich seine Grenzen, ist aber durchaus schon beachtlich und wächst schnell. Um ein laotisches Mädchen zu beeindrucken, braucht er dennoch ganz andere Qualitäten. Wie wäre es zum Beispiel mit Geld, Haus und Auto? Wir stellen uns geschlossen hinter Yong und schätzen das romantische Potential ab, das ein postergroßer Druck des Fotos mit Yong und dem Eismädchen im Kennenlernprozess entfalten könnte.

Zwei kleine Trainingspässe gegen Ende der Etappe kitzeln noch einmal die kleineren Gänge heraus. Wir lassen es uns nicht nehmen, geschlossen und souverän die Herausforderung zu meistern. Am meisten scheint das Begleitfahrzeug mit den etwas hochprozentigeren Passagen zu kämpfen zu haben.

Unser Ziel für heute ist eine idyllische Bungalowanlage mit Blick auf den Stausee namens Nam Ngum (sprich: Namm Ngjöm). Es sind glücklicherweise wieder einmal keine Unterwassersägen zu vernehmen, und das Hämmern aus den halbfertigen neuen Bungalows verstummt schon lange vor dem Abendessen. Die großzügig dimensionierte Anlage, der Pool und die laufenden Bau- und Renovierungsmaßnahmen zeigen, dass die Betreiber sich auf eine zukünftig wachsende Gästeschaft einstellen. Den reizenden Ausblick auf die größte, mit kleinen Inseln gespickte Wasserfläche des Landes vor Augen, ist dieser Optimismus für uns absolut nachvollziehbar.


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Antspanntes fahrraden?

Land der Tausend Elefanten, 16.12.2011 bis 8.1.2012

3. Tag, Vientiane

Gut gefrühstückt und befahrradet erobern wir heute Vientiane. Kultur und Aktivität sollen sich perfekt ergänzen – schließlich wollen wir uns schon auf die nachfolgende Ausfahrt aus der Stadt mit über 90 km Strecke einstimmen. Nach einem Besuch im Ho Phra Keo, dem ehemaligen Schrein des zeitweise in Vientiane aufbewahrten Smaragdbuddhas und heutigen Museum für buddhistische Kunst, und dem Vat Sisakhet nehmen wir daher Kurs auf den gut 30km südöstlich von Vientiane gelegenen Buddha-Park Xieng Khuan (sprich: ßieng kwuann). Es juckt uns mächtig in den Waden, und noch eine weitere Nacht unter weitgehendem Radentzug zu durchleiden, scheint weder notwendig noch wünschenswert.

Im Buddha-Park erfreut uns das äußerst entspannte, teilschattige Ambiente. Der überschaubaren Besucherzahl ist die fast meditative Stimmung zu verdanken. Neben zahlreichen Buddha-Bildnissen in den üblichen stehenden, sitzenden und liegenden Posen ist eine begehbare Darstellung von Himmel und Hölle zu besichtigen, dazu unterschiedlichste Figuren aus der buddhistischen Vorstellungswelt wie Mutter Erde, Garudas, Nagas und diverse Dämonen.

Zwischen den in edlem grau gehaltenen Skulpturen wuseln als leuchtend orangene Tupfer mehrere kleine Gruppen, die sich gerne auf Gespräche mit den Besuchern einlassen: Novizen aus Klöstern der Umgebung, die regelmäßig zum Englischtraining in den Park kommen, um mit ausländischen Gästen zu plaudern. Eine gute Lernmethode. Explizit politische Fragen dürfen sie uns zwar nach eigener Angabe nicht beantworten (was niemanden erstaunt), geben aber bereitwillig Auskunft über ihre Lebensumstände, das Leben im Vat und ihre Zukunftsträume. Größter Wunsch meines 18jährigen Gesprächspartners ist, mit zwanzig in den buddhistischen Mönchsorden aufgenommen zu werden und später als Englischlehrer seinen Landsleuten sprachlich die Welt zu eröffnen. Wie so viele seiner Mitnovizen haben seine Eltern ihn ins Kloster geschickt, um ihm eine (außerhalb des Klosters für sie unerschwingliche) gute Ausbildung zu garantieren. Ich wünsche ihm alles Gute für sein Vorhaben; er scheint auf dem besten Weg zu sein.

Gerade als wir von Xieng Khuan Abschied nehmen, klingelt Yongs Telefon. Mein Laotisch ist nicht unbedingt fein ziseliert – ich bin trotzdem relativ sicher, in etwa folgenden Dialog vernommen zu haben (von dem eine Hälfte zudem rekonstruiert ist):

Genosse Yong am Apparat?

Ja, bitte was gibt’s?

Sie sind angeblich mit einer Gruppe furchterregender Farang gesehen worden. Ist das korrekt?

Ähm… in etwa korrekt!

Sämtliche Dörfer zwischen Vientiane und dem Buddhapark sind in Aufruhr, nachdem Sie sie heute passiert haben. Ist Ihnen das klar?

Ähm… nein.

Es ist die Geschwindigkeit. Die Leute reagieren da sehr sensibel. Sie müssen das doch verstehen, als Landsmann?

Ja, natürlich. Ich verstehe.

Ich habe Anweisung von ganz oben. Der Krisenstab hat gerade getagt und seine Entscheidung bekanntgegeben: Sie werden über die Autobahn umgeleitet. Exklusivgenehmigung. Dort gibt es keinen Verkehr, niemand wird sie sehen. Das sollte für alle Seiten das Beste sein. Klar?

Klar.

Enttäuschen Sie uns nicht, Genosse. Lang lebe die kommunistische Partei!

Verstanden. Lang lebe die kommunistische Partei, Genosse.

Yongs Gesprächspartner mag sich in Wirklichkeit ein wenig anders ausgedrückt haben. Tatsache ist: Wir kehren über die nahezu verkehrsfreie Autobahn nach Vientiane zurück. Das bringt für uns einige Bonuskilometer mit sich, da die Ausbaustrecke uns zunächst nördlich an der Stadt vorbei und dann wieder zurück nach Süden führt (siehe Karte unten). Als wir schließlich den Patouxay, eines der großen Wahrzeichen von Vientiane, erreichen, haben wir alles in allem beachtliche 64 Aufwärmkilometer zurückgelegt, was einige Waden schon spürbar aktiviert.

Fairerweise muss man einräumen: Eigentlich ist es Yong selbst, der heute vorweg das Tempo macht und dabei erstaunlich sportlich auftrumpft. Hätten wir ihm beim Mittagessen womöglich die frischen Chilies rationieren sollen, die er so unverdrossen knusperte? Oder war etwa die fermentierte Krabbenpaste der Tiger im Tank, mit der er die Chilies bestreicht? Fragen, die wir im Auge behalten sollten in den nächsten Tagen. Uns Amateurlaoten bringt eine einfache Portion Fö (laotische Nudelsuppe) mit dem üblichen Gedeck aus Minze, Basilikum, Bohnen, Limette und Erdnusspaste (plus geröstete gemahlene Chilies nach Geschmack) jedenfalls gut über den Tag.

Falls Sie übrigens denken, im Titel dieses Artikels einen Verschreiber entdeckt zu haben, muss ich Ihnen natürlich zum Teil recht geben. Kein Duden der Welt wird das Wort ‘antspannt’ beglaubigen. Aber der Duden wird ja auch nicht in Laos fabriziert. Er ahnt daher nichts von der besonderen laotischen Form der Entspanntheit, die ich hier versuchsweise als ‘Antspanntheit’ bezeichnen möchte. Dabei folge ich einschlägigen lokalen Gepflogenheiten: Die englische Variante ‘to ralax’ als Steigerung von ‘to relax’ ist bereits weitgehend akzeptiert. Höchste Zeit, dass auch das Deutsche diese großartige Gelegenheit nutzt, den eigenen Wortschatz kosmopolitisch zu erweitern.

Wir arbeiten einstweilen noch an unserer Antspanntheit. Morgen stehen erst einmal sportliche 93 Pedalkilometer an, mit Arfolgsmeldungen ist also frühestens übermorgen zu rechnen.


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