Famoses Lang Sam

Land der Tausend Elefanten, 16.12.2011 bis 8.1.2012

24. Tag, 8.1.2012
Von Bangkok nach Deutschland

Und wieder der Schritt durch die Raumzeitschleuse. Zurück nach Europa, das fällt uns sonnenverwöhnten, im laotischen Lang Sam zuletzt regelrecht heimisch gewordenen Radlern zugegeben nicht leicht! Was uns dort erwartet, muss hier nicht weiter beschrieben werden, das haben Sie alle mit eigenen Augen und Ohren dem Wetterbericht entnommen.

Mein persönliches Fazit ist kurz und gut: Ich denke wir waren eine tolle Gruppe, außergewöhnlich einig auf dem Rad, einig auch am Essenstisch und im Kulturprogramm. Unsere Finanzerin hat uns in Geldfragen prächtig den Rücken freigehalten, das Wetter hat sich von seiner radfreundlichsten Seite gezeigt, die Kinder haben gewunken und gegrüßt, als ginge es um ihr Leben, unzählige nicht namentlich zu nennende Laoten uns freundlich entgegen und hinterher gelächelt oder gar gemeinsam mit uns gescherzt und gelacht.

Kulinarisch haben wir uns (mit geringer Beihilfe einiger chinesischer Köche) wohl gefühlt, sogar die Asien-Debütanten, und vor allem: Das allgemeine Tempo des Lebens hat uns allen perfekt gelegen, wenn mein Eindruck mich nicht ganz täuscht.

Mögen alle German Ladyboys sich die schöne Erinnerung an unsere gemeinsamen Wochen gut bewahren und sich ab und an einen kurzen inneren Rückflug ins famose Lang Sam gönnen! CO2-frei, versteht sich. Vielleicht bis zu einer anderen CBB-Reise, macht’s gut!

Als ich in Potsdam aus dem Bahnhof auf die Straße hinaustrete, muss ich an den Indianer denken, der zum ersten Mal mit der Eisenbahn fährt: Am Ziel angekommen setzt er sich auf die Schienen und wartet auf seine Seele, die ihr eigenes Reisetempo hat und nicht so schnell nachkommt. Nicht dass ich mich auch zum Warten auf die Straße setzen würde. Es ist viel zu kalt.

Außerdem müsste ich wohl sehr lange warten.

Südostasiatisches Delirium

23. Tag, 7.1.2012 Zusatztag
Bangkok

Am nächsten Morgen ziehen wir nach dem Frühstück noch einmal um und beziehen zum letzten Mal neue Zimmer, diesmal mit Blick auf den Chao Phraya, Bangkoks königlichen Fluss. Vielleicht wären wir besser vor dem Frühstück umgezogen, denn die dabei genossenen Pancakes werden den Tag in nicht direkt erwünschter Weise mitbestimmen.

Mit der Express-Fähre machen wir uns zum Königspalast auf und passieren dort an der Anlegestelle einen großen Markt mit Garküchen. Sofort sind wir umgeben von Gerüchen, die ähnlich und doch so anders als in Laos sind und mir heute spontan Unbehagen verursachen. Vielleicht, weil mein Magen schon den Kampf gegen die Pancakes aufgenommen hat und sich von weiteren Essensgerüchen empfindlich in seiner Konzentration gestört fühlt? Die anderen aus der Gruppe, die ähnlich gefrühstückt haben, werden sich anschließen.

Der Königspalast und der höchste buddhistische Tempel des Königreichs Thailand, der Wat Phra Kaeo ziehen alle in ihren Bann, Da der Smaragdbuddha, für den der Tempel gebaut wurde, vorher zeitweise in Luang Prabang aufbewahrt worden war, schließt sich hier auch schön der thematsiche Kreis unserer Reise. Nach dem Mittagessen durchpflügen wir auf einem Langboot die Khlongs, Kanäle, die sich bis Ende der 1960er Jahre durch die ganze Stadt zogen und die Hauptverkehrswege darstellten. Dann wurden die meisten Khlongs aus hygienischen Gründen – denn man benutzte sie nicht nur zur Fortbewegung – zugeschüttet, und der heutige Besucher muss sich auf die Westseite des Chao Phraya nach Thonburi begeben, um dort die Atmosphäre des vergangenen Bangkok in den noch verbliebenen, von Stelzenhäusern flankierten Kanälen zu erleben. Zum Abschluss machen wir kurz am Wat Arun halt, einen wunderschön schrägen, mit Bruchstücken chinesischen Prozellans dekorierten Bau gleich am Flussufer.

Dass für den weiteren Nachmittag allgemeines Freispiel vorgesehen ist, erweist sich als Glücksfall. Ich kann einfach auf dem Hotelbett eine Runde vor mich hinsiechen und meinen Magen bei seinem Kampf mit dem Frühstück, der mittlerweile in die 9. Runde geht, anfeuern. Pünktlich, um das Abendessen zu organisieren, regt sich in mir mitten im schönsten südostasiatischen Delirium wieder eine schwache Motivation, aufzustehen. Leider sind unsere Mägen nicht ganz synchronisiert, so dass wir zum letzten Dinner in leicht dezimierter Runde auflaufen. Zum Abschluss kommen noch einmal einige Gerichte auf den Tisch, die kein deutscher Thai-Imbiss im Traum servieren würde. Es schmeckt sogar, aber die Stimmung leidet natürlich unter der Gruppenspaltung, und eine besonders perfide Chilischote dezimiert mir um ein Haar nochmals die ohnehin schon geschwächte Gruppe.

Immerhin wagen sich zum Umtrunk auf der Hotelterrasse die Magenkämpfer wieder aus ihren Zimmern, aber nun ist mein Magen wieder etwas in die Defensive geraten, so dass ich mich heute ausnahmsweise als Erster ins Bett abseile.

Schleudertrauma Bangkok

Land der Tausend Elefanten, 16.12.2011 bis 8.1.2012

22. Tag, 6.1.2012
Von Luang Prabang nach Bangkok

Schon gestern abend haben wir nach unserer Ankunft in Luang Prabang Abschied von Yong und dem Fahrer genommen. Yong hat dazu auch seine Freundin in das Restaurant an der Mekong-Promenade mitgebracht, die hier lebt. Er selbst wird bald wieder nach Vang Vieng zurückkehren, wo seine Familie lebt. Wir haben uns größte Mühe gegeben, auf die Schüchternheit der jungen Dame Rücksicht zu nehmen und behutsam ins Gespräch zu kommen. Dass der Austausch trotz allen begrenzt geblieben ist, ist dennoch nicht verwunderlich. Privater Kontakt mit Ausländern ist auch hier, wo sie stellenweise fast schon in der Überzahl sein dürften, für die meisten Laoten eine seltene Erfahrung. Kommt dazu noch die Sprachbarriere (die trotz Englischkenntnissen besteht) und die konventionelle Zurückhaltung der Lao, entsteht daraus eine ordentliche Herausforderung für jede Unterhaltung. Gut, dass wir mit dieser Konstellation schon durch die Kommunikation mit unserem Fahrer sehr erfahren sind. Und wer sagt denn, dass man nicht auch einfach einmal gemeinsam essen kann, ohne eine Riesenkonversation daraus zu machen?

Yong ist der Gruppe mit seiner jungenhaften, verschmitzten Art schon ein wenig ans Herz gewachsen, und auch er scheint sich ganz wohl mit uns gefühlt zu haben. Entsprechend langatmig und wortreich fällt der Abschied aus. Natürlich ist er trotzdem am Ende erleichtert, endlich mit seiner Freundin alleine um die Ecke biegen zu können. Ein schönes Paar, denke ich und erinnere mich an seine Beschreibung: When I ask her for money, she just gives it to me. She’s such a nice girl. Beneidenswert, der liebe Yong.

Das Thema unserer letzten Stunden in Laos heißt: Die Kip müssen raus. Also ziehen wir los. Am Ende kehren alle erfolgreich zurück, jeder hat auf seine Weise die letzten Devisenreste verabschiedet. Typisches Rückreiseritual. Ich habe noch ein paar Spezialitäten erstanden, um zu Hause meine Freunde mit laotischer Küche bekannt zu machen: Getrocknete schwarze Pilze, große gefaltete Flussgrasstücke und die fantastischen Erdnüsse mit Kaffir-Limette und Chili haben noch gut in den Koffer gepasst.

Aus der familiären Atmosphäre des winzigen Flughafens von LPB mit seinen zeitlupenartigen Abläufen werden wir dann durch die Raum-Zeit-Schleuse geradewegs zum Verkehrsdrehkreuz Südostasiens geschleudert, dem gewaltigen Bangkoker Flughafen Suvarnabhumi (dessen Name übrigens eine Recherche lohnt). Es geht weiter zu unserem Hotel im Altstadtbezirk Banglamphu und von dort quer durch die Stadt zu einem der höchsten Hoteltürme. Wir besuchen die Freiluftbar auf dem Dach, um uns zur Einstimmung einen Überblick über die Stadt zu verschaffen. Die Aussicht ist toll, die Getränke auch. Nur mit dem trubeligen Großstadtambiente tun wir uns nach der ubiquitären Ländlichkeit der letzten Wochen einigermaßen schwer. Da hatte man schon fast vergessen, was ein Snob ist, und plötzlich ist man von Dutzenden umgeben. Nicht zu reden von den modischen Abstrichen, die wir als Fahrradreisende zu machen gewohnt sind – und die wohl an wenigen Orten so offensichtlich werden wie im edlen Ambiente um uns herum. Das Schleudertrauma trifft uns alle, manche mehr, andere sanfter.

Ein Glück immerhin, dass wir hier oberhalb des 60sten Stocks nichte mehr Hitze, Luftfeuchte und Lärm der Straßen dort unten ausgesetzt sind. Das hätte uns sicher in diesem Moment völlig niedergebügelt.

Die Moral: Nichts gegen Bangkok, aber wer gerade länger in Laos war, braucht zur Begegnung mit der Stadt starke Nerven.

Pakbeng ist im Kommen

Land der Tausend Elefanten, 16.12.2011 bis 8.1.2012

20./21. Tag, 4./5.1.2012
Von Houai Xay über Pak Beng nach Luang Prabang

Zwei Tage lang vertrauen wir uns ganz Kapitän Boun und seiner Frau Chit an und legen die Beine hoch, Reiseleiter eingeschlossen. Literarischer Ehrgeiz kommt da nicht auf. Dies ist die vierte Beschreibung der sagenhaft entspannenden Mekong-Kreuzfahrt in diesem Reiseblog (1 2 3) und für mich persönlich das dritte Mal auf der Barke entlang der laotisch-thailändischen Grenze. Zurecht ist dieser angenehmste aller Wellness-Transfers fester Bestandteil der Touren Goldenes Dreieck und Land der Tausend Elefanten, auch beim dritten Mal unfassbar entspannend. Hier erreicht die laotische Lang-Sam-Keit (die gegenüber unserer Langsamkeit eine eigene Note besitzt) ihren Höhepunkt. Oder vielleicht eher den absoluten Nullpunkt der Aktivitätsskala? Null Kelvin lao.

Hier also nur einige Anmerkungen zu den Berichten der Kollegen:

Ja, wir hatten tatsächlich einen anderen Käpt’n als üblich. Vielleicht hat sich Nitis Gruppe ein paar Tage vorher danebenbenommen und Kapitän Wasserbüffel musste zur Kur?
Machte jedenfalls nichts, sein Stellvertreter manövrierte uns mit exakt der gleichen konzentrierten Gelassenheit ans Ziel.

Damit nicht genug. Natürlich hatte Herr Ersatzkäpt’n auch seine Ersatzfrau mit an Bord – die Spannung aufs erste Mittagessen war groß – wo doch die Latte so hoch lag! Und wen wundert’s: Frau Chit hat sich entweder vorher bestens in sämtliche Kochlöffelschwünge und Würztricks ihrer Kollegin und Verwandten einweisen lassen oder ist einfach auch eine unfassbar gute Köchin.
Man möchte wirklich nicht mehr an Land gehen von diesem Schiff.

Meine Teilnehmer haben als fleißige Blogleser auch Franks Sensationsmeldung vernommen und sich anstacheln lassen, ebenso auf Elefantenpirsch zu gehen. Mit Erfolg. Mehr als einen grauen Gesellen haben wir allerdings auch nicht zu vermelden, so dass (von der nächsten Gruppe) der Verdacht zu überprüfen ist, dass es sich um den regierungsoffiziellen laotischen Alibi-Elefanten vom Mekong handelt.

Eines (der vielen) Erfolgsgeheimnisse der Barke kann seit heute als gelüftet gelten: Die meditative Laufruhe des Dieselmotors (Bild bei Frank) verdankt sich einem magischen Kunstgriff! Ein Schälchen Klebereis stand die ganze Fahrt über auf der Motorabdeckung und sorgte offensichtlich für beste Stimmung bei den Motorgeistern. Genau wie wir Laos so oft erlebt haben: einfach und gut. Was dagegen offensichtlich war: All sein Können und seine Erfahrung hindern den Bootsmann keineswegs daran, sein Cockpit mit buddhistischen Segenssprüchen und Talismännern zu tapezieren. Wenn man mich fragt: Es scheint zu wirken.

Pak Beng hat noch selten eine glamouröse Rolle in Berichten von Laosreisenden gespielt. Deshalb ist es hier wohl an der Zeit, die derzeite Aufbruchsstimmung im Ort zu erwähnen. Das Bildmaterial spricht für sich, ebenso wie die deutlich ausgebaute nächtliche Straßenbeleuchtung. Noch vor kurzem hätte man sich nach 19 Uhr ohne Stirnlampe kaum aus dem Hotelzimmer getraut – heute findet man wahrscheinlich selbst geistig umnachtet und Beerlao-duselig den Weg von einem Ende des Ortes zum anderen (und darüber hinaus). Man darf gespannt sein, welche Energien der Ehrgeiz noch freisetzen wird, endlich nicht mehr nur als die obligatorische Zwischenstation zwischen Houai Xay und Pak Beng diskreditiert zu werden.

Vom jüngst eingezogenen kosmopolitischen Wind haben wir übrigens hemmungslos profitiert. Auf ein mäßiges Hotelfrühstück gefasst, haben wir entschieden, doch lieber gleich an Bord unserer Traumbarke zu frühstücken. Das Mitnehm-Paket aus der Hotelküche mit Toast und Ei wurde sodann massiv mit Einkäufen aus dem lokalen Angebot aufemotzt: Croissants, Muffins, Baguette, Butter, Marmelade etc. Solches hätte man früher hier vergeblich gesucht, während heute mehrere Anbieter um die Wette backen.

Das Ende des Pakbeng-Bashings in der touristischen Fachliteratur dürfte nahe sein. Ich wüsste, wie es zu beschleunigen wäre: Man könnte doch hier doch eine Horde Elefanten ansiedeln, auf denen die Besucher vom Strand aus die steile Flussböschung hochreiten könnten.

Ich glaube, ich spreche das nächste Mal beim Tourismusbeauftragten vor.



Zaijian, Sok Dee, La kohn!

Goldenes Dreieck, 10.12.2011 bis 04.01.2012

Den letzten Tag nutzten alle um noch die letzten unentdeckten Ecken von Chiang Mai aufzusuchen, die letzten Mitbringsel zu holen, die versteckten Tempel zu finden und über die bisher übergangenen Märkte zu schlendern.

Leicht wehmütig trafen sich alle um 6 in der Hotellobby wieder um zum Flughafen Chiang Mai zu fahren. Gemeinsam flogen wir nach Bangkok wo sich dann unsere Wege trennten.

Rückblickend war es eine gute Tour ohne Zwischenfälle und mit nur kleinen Pannen. Die Räder haben ihre Pflicht getan, meine Kette hat gehalten und der Straßenbelag war eines der besten, auf denen ich je gefahren bin. Lediglich Thailand könnte mal ein paar Nebenstraßen mehr bauen, oder langsam Rücksicht auf die steigende Anzahl an Radfahrer nehmen. Radwege sind langsam angebracht, wenn die Zahl an jährlichen neuangeschafften Fahrzeugen konstant bleibt.

Alles in allem aber eine schöne Reise die bei uns allen hoffentlich noch lange im Gedächtnis bleiben wird.

Endlich Regen!

Land der Tausend Elefanten, 16.12.2011 bis 8.1.2012

19. Tag, 3.1.2012
Von Ban Don Chai nach Houai Xay

Heute reiten wir zum letzten Mal auf unseren CBB-Rädern aus. Die Energie für die ersten Kilometer liefern die Frühstückspfannkuchen (nee, keine Berliner), denen man erstaunlicherweise kaum anmerkt, dass sie unter sehr speziellen Bedingungen aus Klebereismehl (mangels Weizen, der hier praktisch nicht zu haben ist) und in einer Wok-Pfanne (formgemäß die exakte Antithese zur Crèpepfanne) zubereitet worden sind. Da wir vom Haus des Dorfobersten gute Sicht auf den weiteren Straßenverlauf haben und schon gestern den Auftakt der heutigen Etappe eingehend studieren konnten, wissen wir, was uns blüht. Das laute Ächzen der Lastwagen, die sich immer wieder mit letzter Kraft und kochendem Kühlwasser im Schneckentempo die ausgeprägte Steigung heraufquälen, ist unzweideutig: Es geht gleich zu Beginn knackig zur Sache, zum Glück sind es nur knapp zwei hochprozentige Kilometer.

Wir sind wie immer gut informiert und haben die beiden großen Gipfel unseres heutigen Profils eingehend studiert. Im Vergleich zu manchen Strecken, die wir schon gemeistert haben, eine Kleinigkeit. Außerdem scheint die Sonne heute ganz wunderschön dazu.

Moment… das brennt ja! Die angenehme Morgensonne hat sich schon vor 10 Uhr übergangslos zum Brennstrahl entwickelt und setzt ausgiebige Schweißströme frei, die umso mehr anschwellen, als die Steigungen zum Garstigsten gehören, also 10% aufwärts. Über das gestrige Gedankenspiel mancher Homestay-Skeptiker, die beiden Etappen zwischen Viang Phuka und Houai Xay zusammenzulegen und die ganze Strecke an einem einzigen Tag zu fahren, lässt sich spätestens nach dem ersten größeren Aufstieg nur noch trefflich spotten. Solange China by Bike nicht den vierten Punkt in der Konditionswertung einführt, sollte solcher Größenwahnsinn den Extremsportlern vorbehalten bleiben.

Ramón, der sich noch zusätzlich mit einer von zu Hause mitgebrachten Erkältung herumschlägt und die letzten Tage für seine Bronchien und damit gegen das Rad votiert hatte, bescheinigt der Strecke mangelndes Wiedereinstiegspotential und steigt schweren Herzens wieder auf den Bus um.

Houai Xay rückt näher, der Countdown der letzten von über 800 Radkilometern läuft. Damit der Abschied von den Rädern und dem Flüsterasphalt der letzten Tage nicht so melancholisch ausfällt, haben ein paar Straßenarbeiter immerhin die letzten Kilometer unserer Abschlussetappe ein wenig mit Presslufthämmern malträtiert. Wir können also noch einmal unsere vorausschauende Fahrweise demonstrieren, indem wir frühzeitig herannahenden Schotterbändern und Schlaglöchern souverän ausweichen. Wieder einmal erweisen wir uns der Beerlao-Radelmedaille in Silber absolut würdig!

Am Abend wie bestellt der erste Regen, seit wir in Vientiane laotischen Boden betreten haben. Niemand greift zum Poncho, denn wir sitzen längst geduscht und ausgeruht im Nachtquartier. Nur die Räder stehen noch draußen, aber die können eine Spülung nach so vielen immer wieder auch staubigen Kilometern bestens vertragen. Was ist besser als eine Tour ohne Regen? Richtig: Eine Tour mit wenig Regen genau zur richtigen Zeit. Heute abend zum Beispiel.


Räucherstäbchen und glühende Bremsbeläge

Goldenes Dreieck, 10.12.2011 bis 04.01.2012

Auf dem Plan stand heute der Wat Doi Suthep, ein Tempel auf dem Doi Suthep, einem der größeren Hügel in der Umgebung von Chiang Mai. Frank war ursprünglich der einzige, der seine gestrige Etappe nicht seine Letzte nennen wollte. Als Reiseleiter mit den Ersatzteilen musste ich natürlich begleiten. Der Rest wollte sich ursprünglich hochfahren lassen. Allerdings warnte mich in der Hotel-Lobby ein Taxi-Fahrer bereits vor, dass man für die 20 km bis zum Tempel hoch etwa 1,5 bis 2 Stunden einplanen müsse. Keiner von uns hatte, verständlicherweise Lust 2 Stunden auf der Ladefläche von einem Pickup drauf zu sitzen und die Abgase der anderen Autos einzuatmen. Und so gesellte sich Dirk mit zur Fahrradfranktion und Martin und Hardy machten lieber einen Stadtbummel.

Schnell wurde uns Fahrradfahrern klar, dass die Taxifahrer vor dem Hotel nicht übertrieben hatten. Wir quetschten uns vorbei an den stehenden Autos und je höher wir den Berg hochkraxelten desto voller wurde es. In 2 langen Spuren standen die Autos ca. 4 km vor dem Gipfel und überstrapazierten ihre Bremsen, die rot aufglühten und den Geruch von geschmortem Gummi und glühendem Metall freigaben. Statt des notwendigen Sauerstoffs für die letzten Höhenmeter stand uns nur noch Abgas zur Verfügung. Oben angekommen und vom Anblick des Ansturms auf die Spitze immer noch leicht unter Schock, war ich heute mal ganz froh ein altes verschwitztes und stinkendes T-Shirt angezogen zu haben, was mir hoffentlich wenigstens 20 cm mehr persönlichen Freiraum verschafft.

Der Tempel selber war zwar voll, jedoch nicht gegenseitig-tottrampel-voll. Und wir konnten die nette Aussicht genießen und uns ein geweihtes Glücksbändchen bei einem Abt holen als Talisman für das angebrochene Jahr. Die glitzernde Spitze der vergoldeten Stupa und vielen Farben und Eindrücke, wie etwa traditionelle Tanzeinlagen ließen ein wenig die Anstrengung vergessen. Die Abfahrt war jedoch nicht minder anstrengend und wir waren froh, als wir wieder in der ruhigen Oase unseres Hotels standen. Ein Abenteuer war es jedoch allemal.

Einigen Teilnehmern habe ich Hefeweizen versprochen und wir entschlossen uns den letzten Abend für die Wiedereingewöhnungsphase in die Deutsche Heimatskultur zu nutzen und gingen in die Chiang Mai German Microbrewery, wo es das wahrscheinlich beste Weizenbier im Umkreis von 800 km gab. Meine Empfehlung: Das super süffige Weizenbock!


My Lao Home

Land der Tausend Elefanten, 16.12.2011 bis 8.1.2012

18. Tag, 2.1.2012
Von Viang Phuka nach Ban Don Chai

Ban werden Dörfer in Laos genannt. Wir sind unterwegs schon durch unzählige solche Dörfer geradelt, die meistens ein Winken und ein paar Grüße später schon wieder hinter uns lagen. Heute jedoch werden wir nicht wie gewohnt aus den Dörfern zur nächsten Kreis-, Bezirks- oder Provinzhauptstadt weiterradeln, um unser Lager aufzuschlagen, sondern einfach über Nacht hier draußen bleiben. Ländlicher wird’s nimmer. Alle sind sehr gespannt, was uns erwartet. Vorher müssen wir zwar noch ein letztes Mal auf dieser Tour nur mit der Kraft der zwei Pedale auf über 1000m Höhe aufsteigen, aber wir sind mittlerweile so gut im Tritt, dass abgesehen vom routinierten Blick aufs Höhenprofil niemand viel Aufhebens darum macht – und wir starten ja schließlich schon von 700m.

Am frühen Nachmittag fahren wir nach gut 50 km in Ban Don Chai vor dem Haus des Dorfobersten vor und werden beim Chef aufgenommen. Unsere Gastgeber beherbergen erst zum dritten Mal Langnasen unter ihrem Dach und sind offensichtlich noch dabei, in ihre neue Rolle hineinzuwachsen. Perfektionismus ist da nicht angebracht. Es gibt zwar alles, was wir brauchen: Kochstelle drinnen, Feuerstelle draußen, die übliche Kombination aus Elefantendusche (kaltes Wasser mit Schöpfkelle) und Hocktoilette. Dazu das Wohnzimmer der Familie mit einem großen Stapel einfacher Matratzen. Die Matratzen sind aber schon länger unbenutzt dem tropischen Lateritstaub ausgesetzt gewesen, also bringen Yong und ich sie erst einmal nach draußen und bearbeiten sie mit Bambusstöcken, bis sich alle ausgestaubt haben.

Jeder Homestay ist anders, auch dieser hat für mich noch einige Neuheiten zu bieten: So ist die Frau des Dorfchefs nicht zum Kochen zu bewegen, da sie befürchtet, dass ihre Gerichte uns geschmacklich überfordern könnten. Also setzen Yong und ich uns heute die Kochmütze auf und sorgen fürs Abendessen, während sie uns zuarbeitet und Gemüse putzt. Im Hocken auf einem Holzfeuer zu kochen, finde ich ziemlich gewöhnungsbedürftig, mit Yongs Hilfe funktioniert es aber bald ganz gut. Nach und nach servieren wir frittierte Cassavachips (auch als Maniok bekannt), gebratenes Gemüse und als Höhepunkt und Abschluss eine knochenlose Hühnersuppe mit viel Ingwer. Den Kochmöglichkeiten entsprechend hat das Abendessen deutlichen Slow-Food-Charakter. Dafür bleibt für alle umso mehr Zeit, mitzuverfolgen, wie das Suppenhuhn geschlachtet und gerupft wird. Unser Fahrer, der sich sonst weitgehend im Hintergrund hält, erledigt das und avanciert so zum Helden des Tages. Wie auch Yong hat er als echter laotischer country boy jede Menge Erfahrung in dieser Disziplin und erntet von uns Städtern viel anerkennendes Staunen.

Das Badezimmer, das bei der ersten gemeinsamen Begehung unseres heutigen Domizils noch viele skeptische Blicke geerntet hatte, stellt sich im Gebrauch als sehr angenehm heraus. Bei der Hitze geht auch das kalte Wasser für alle in Ordnung. Ansonsten verläuft der Rest des Tages sehr beschaulich mit Lesen und Hörbüchern, während die Großmutter nebenan am Spinnrad zugange ist, und geht draußen am Lagerfeuer zu Ende. Den Hausherr selbst bekommen wir nur kurz zu Gesicht, er scheint schwer beschäftigt zu sein. Vielleicht ist es ihm aber auch nicht ganz geheuer, das Haus voller exotischer Gäste zu haben, weshalb ihm der Abschied von seinen Bekannten im Dorf heute schwerer fällt als sonst. Ein Homestay ist eben für alle Beteiligten eine spannende Erfahrung.


Törööö…

Goldenes Dreieck, 10.12.2011 bis 04.01.2012

Eigentlich wollten wir ja pünktlich zur Elefantenshow auf dem Weg nach Chiang Mai. Das neue Jahr lag einigen von uns aber noch tiefer in den Knochen als erwartet. Erst nach einer ausgedehnteren Kaffeepause waren wir alle im Jahr 2555 (nach dem buddhistischen Kalender) angekommen. Etwas verspätet kamen wir an dem Elefantencamp an in dem die Mahuts den Zuschauern zeigten, was man mit den Dickhäutern alles anfangen kann. Ein Elefant malte sogar ein Bild.

Leider mussten wir noch ein ganzes Weilchen auf der 107 bleiben. Und die leise Hoffnung, dass heute etwas weniger los sein könnte auf den Straßen hatte sich nicht bestätigt. Ab der Hälfte der Strecke ging es aber zum Glück ab von der Hauptstraße auf eine kleine Nebenstraße entlang des Ping-Flusses. Diese führte uns fast bis zum Hotel, dass zwar zentral aber dennoch ruhig gelegen war, mit Pool und allem erdenklichen Komfort.

Einige von uns nutzten die Gelegenheit und sprangen ins kühle Nass oder schlenderten in der Gegend rum bevor wir abends gemeinsam über den allseits bekannten Chiang Maier Sunday-Nachtmarkt schlendern wollten. Frisch geduscht und erholt von dem mittlerweile ziemlich heißen Nachmittag stürzten wir uns ins Getümmel… und gingen prompt unter in dem Strom von Menschen. Das wir nicht die einzigen Touristen um Silvester in Chiang Mai sein werden war mir klar. Auf die Massen an Menschen war ich jedoch nicht vorbereitet. Die öffentlichen Lautsprecher entlang der Straße ermahnten die Verkäufer auf etwas mehr Nachsicht mit den Käufern und die Besucher auf Vorsicht vor Kleindieben und perversen Grabschern. Die offizielle Stimme schätzte die Besucherzahl auf etwa 100‘000 auf dem heutigen Nachtmarkt… gefühlt waren es 1‘000‘000. Wir kämpften uns durch den Fluss aus Menschen zur Fressmeile in einem Tempel, wo wir mit ein bisschen Glück gerade noch einen Platz ergattern konnten.

Nach dem Essen wagten wir noch einen Versuch und erhofften uns vielleicht doch noch etwas vom Nachtmarkt mitnehmen zu können. Doch es war zwecklos. Anhalten war unmöglich. Die Strömung war einfach zu stark. So retteten wir uns an die Ufer und suchten uns nach einem Erholungsbier ein Weg durch die leeren Nebengassen zurück zum Hotel. Schade eigentlich… Aber Chiang Mai, so schön Du auch bist und so vielfältig Dein Nachtmarkt auch sein mag… Du bist für Neujahr 2555 einfach viel zu klein!


Viangri-la

Land der Tausend Elefanten, 16.12.2011 bis 8.1.2012

17. Tag, 1.1.2012
Von Luang Namtha nach Viang Phuka

Nachdem wir die mit dem Lineal gezogenen Straßen von Luang Namtha hinter uns gelassen haben, beginnt sich die Straße wieder in der gewohnt lieblichen Manier zu schlängeln. Wie immer scheint die Sonne dazu, die stets zwischen 9 und 10 Uhr durch den Morgennebel bricht, der sich daraufhin innerhalb von Minuten auflöst.

Wir haben keine Eile: Die heutige Strecke durch den Nam Ha Nationalpark ist nicht lang, die Steigungen überschaubar – und unser Traum in Asphalt bleibt uns treu. Zwei moderate Pässe strukturieren die Etappe, stellen uns aber nicht spürbar auf die Probe. Der drittletzte Radtag läuft ganz einfach.

Unterwegs erkunden wir eines der Dörfer am Straßenrand und lassen uns von Yong und einer alten Dame vorführen, wie Klebereis in stundenlanger Arbeit mit Stampfer und Rüttelsieb geschält wird. Viel mehr Kontakt mit den Dorfbewohnern ist nicht zu bewerkstelligen, einmal mehr zeigt sich die Zurückhaltung und gar Scheu der Menschen vor Fremden. Wer noch nicht genug Unterschiede zwischen China und Laos aufzählen kann, darf sich das gerne merken: In den ländlichen Gegenden Chinas sprechen zwar die Wenigsten Englisch; das hindert die Menschen aber selten daran, unbefangen und freundlich interessiert von auswärtigen Besuchern Kenntnis zu nehmen. In Laos kann man versuchen, mit den Einheimischen ins Gespräch zu kommen. In China wird man angesprochen. Ob man will oder nicht.

Der Höhepunkt heute ist unsere Bleibe für die Nacht, die auf einem Hügel über der Kreisstadt Viang Phuka thront und einen perfekten Ausblick auf den Sonnenuntergang bietet. Die romantisch-charmanten Hütten sind erst zum Teil mit Durchlauferhitzern ausgestattet, aber die freundlichen Nachbarn öffnen den gerne ihre Bäder für Gastduscher. Die einfache, solide-rustikale Einrichtung verströmt die Atmosphäre von Ferien auf dem Bauernhof. Nicht zu vergessen die freundliche Besitzerin, die uns am Abend und zum Frühstück hervorragend bekocht. Paradiesische Verhältnisse eben, ein laotisches Shangri-la. Nein: Viangri-la, schließlich sind wir in Viang Phuka!

Mit Spannung wird der sogenannte Homestay am Ende der morgigen Etappe erwartet. Wir werden in einem Dorf bei einer Familie untergebracht sein und für einen Nachmittag und Abend ganz nah am Familienleben dran sein. Da das Dorf bis vor Kurzem keine Stromversorgung und der Dorfälteste (der unbedingt unsere erste Anlaufstelle sein muss) kein Telefon besitzt, stehen nicht alle Details des Aufenthalts im Vorfeld schon fest – wir müssen uns mit einer gewissen Ungewissheit anfreunden. Dank Yong und dem Versorgungstruck besteht zum Glück kein Risiko, ungespeist ins Bett gehen zu müssen oder den Unwägbarkeiten des laotischen Landlebens auf Gedeih und Verderb ausgeliefert zu sein.

Ein Abenteuer jedenfalls ist er immer, der erste Homestay.