Nummer vier und fünf

Die Drei Schluchten des Yangzi, 15.04 bis 10.05.2015

Fahrt nach Fengjie

Die heutige Strecke hat es in sich. Zwar müssen wir nur 87 km bewältigen, aber das Höhenprofil sieht leicht beängstigend aus. Ein ständiges auf und ab. Gleich am Anfang erwartet uns eine heftige Steigung. Zudem sind wir die erste Gruppe, die diese Route nimmt, ein Abenteuer also. Ausgerechnet jetzt, wo wir alle nicht so recht wissen, wo es lang geht, beginnt mein GPS zu spinnen und zählt die Kilometer rückwärts, heißt: je näher wir in der Realität dem Ziel kommen, desto höher wird die Distanz zum Zielort. Der Himmel ist grau und verhangen, ideale Temperaturen fürs Radfahren, aber das trübe Wetter hat auch eine leicht deprimierende Wirkung. So quälen wir uns die ersten Höhenmeter aus der Stadt raus und wären gleich am Anfang beinahe aus Versehen auf die Autobahn gefahren: Vielleicht war das ja tatsächlich Xiao Yangs Plan, der uns begeistert von dieser Autobahn berichtet und immer wieder laut lachend betont, wie anstrengend uns schwierig die heutige Etappe ist, ob wir uns nicht gleich lieber ins Auto setzen wollen.

Wir fahren weiter. Gleich am Anfang geht es etwa 10 km nur bergauf und zwar zwischenzeitlich ziemlich steil. Für unsere Anstrengung werden wir aber mit einer fast autofreien Strecke in einer schönen Landschaft belohnt. Zur Abwechslung fahren wir mal nicht durch Flusstäler, sondern durch grüne Hügel, kleine Dörfer und Weiler mit kunstvoll angelegten terrassierten Feldern. Nach dem ersten sehr anstrengenden Pass (den natürlich Mark mal wieder als erster erklommen hat) entschliessen sich Eckart und Gunter ins Auto umzusteigen. Mark und ich fahren weiter. Mittlerweile hat es leicht zu regnen begonnen. Auto- und Radfahrer treffen sich im nächsten Ort wieder. Da der Regen stärker geworden ist, beauftrage ich Eckart und Xiao Yang mir ein Regencape zu besorgen und fahre mit Mark weiter. Der nächste Anstieg ist schon in Sicht. Einige Zeit später kommt das Begleitfahrzeug angebraust und Günter reicht mir einen Traum in rosé aus dem Beifahrerfenster. Endlich wasserdicht. Als ich Mark wieder einhole, der mich während meiner umständlichen Umzieh-Aktion überholt und abgehängt hat, offenbart der mir allerdings, dass er überhaupt keine Lust mehr habe, bei diesem Wetter (mittlerweile starker Regen) weiterzufahren. Also steuern wir das Begleitfahrzeug an. Wo ich mich auf der Strecke befinde, weiß ich auch nicht mehr, da sich das GPS immer noch nicht berappelt hat und die Kilometer zählt, wie es will, mal vor, mal zurück (was etwas deprimierend ist, wenn man gerade einen Berg hochfährt, sich aber angeblich mit jeden Meter, den man bewältigt, weiter vom Zielort entfernt).

Aber zurück zum Begleitfahrzeug. Wir sind gerade dabei unsere Räder im Auto zu verstauen, als ich bemerke, dass der Regen weniger wird und mich entschließe doch mit dem Rad weiterzufahren. Leider lässt sich sonst keiner überreden. Xiao Yang lacht sich tot und hält mich augenscheinlich für verrückt. Aber egal, ich fahr einfach weiter. Nach ein paar Anstiege und Abfahrten, bemerke ich, dass irgendetwas mit meinem Rad nicht stimmt. Und richtig: Ich habe einen Platten, mal wieder das Hinterrad. Irgendwie habe ich es geschafft mir eine Eisenkrampe einzufahren. Xiao Yang ist schnell zur Stelle und Mark, der sich nun endgültig entschlossen hat im Auto zu bleiben leiht mir sein Hinterrad. Und ich fahre weiter. Ein Traum in Lachs, wie Günter sagt. Ein einzelner Ausländer im knallig pinken Regenumhang radelt einsam durch ein verregnetes China. Was mögen die Ortsansässigen wohl denken! Xiao Yang kann es kaum fassen, dass ich immer noch nicht aufgebe. Er fragt mich, was ist, wenn ich einen weiteren Platten habe. Nicht ganz unwahrscheinlich, denn mit vier Plattfüßen stehe ich in der Pannenstatistik an der Polposition. Und jetzt kommt er mir sogar mit Gott. Denn er meint, wenn jetzt noch ein Schlauch kaputt geht, dann ist es Gott, der mir sagen will, dass ich nicht weiterfahren soll.

Um die ganze Misere etwas abzukürzen, etwa 25/30 km vorm Ziel, ich habe gerade einen Anstieg bewältigt, sehe ich vor mir eine Glasscherbe wegspritzen und danach ein Zischen, was nichts Gutes verheißt. (Plattfuss Nr. 5)

Als die anderen zurückkommen, werde ich gar nicht mehr gefragt, ob ich noch weiter fahren will. Es wird mir einfach verboten. Und schneller als ich denken kann, ist mein Rad demontiert und bei den anderen Rädern im Auto. Und ich sitze mal wieder auf dem harten Gastank und knappere frustriert Kekse. Die Aussicht heute noch zwei Schläuche flicken zu müssen, finde ich auch nicht sonderlich prickelnd (glücklicherweise geht mir später Mark zur Hand und übernimmt das Hinterrad). Ziemlich müde, nass und dreckig (ich) erreichen wir das Hotel und hoffen für morgen ganz stark auf einen trockenen, nicht ganz so heißen Tag.

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