Im Seidenreiher-Schutzgebiet

Kaiser, Kanäle Konfuzius, 04. bis 25.05.2019

63 km von Yaowan nach Suqian, bestes Radelwetter.

Auf einer schönen und abwechslungsreichen Etappe radeln wir von Yaowan nach Suqian. Das Terrain bleibt flach, doch wir sind längere Strecken auf etwas erhöhten Deichstraßen unterwegs und schauen weit ins Land – über Felder, Fischteiche, kleine und große Kanäle und den Luoma-See. Übersetzt heißt das soviel wie Llama-See – wie der zu seinem exotischen Namen gekommen ist, bleibt uns ein Geheimnis. Wir machen immer mal Pause und probieren einfach alles durch, was so am Wegesrand verkauft werden: Bei der ersten Pause gibt es ein in Salzlake eingelegtes Entenei, danach kleine, grüne, runde „Süßmelone“ aus Herrn Yangs Auto, und später verputzen wir noch einen Korb frischer Erdbeeren.

Vom Rad aus beobachten wir Frauen und Männer bei der Schilfernte, sehen Ziegenherden und Entenfarmen. Und dank Meister Yang kommen wir dann sogar spontan in den Genuss einer exklusiven Bootsfahrt, kombiniert mit einer kleinen Expedition durchs Vogelschutzgebiet. Herr Yang hatte ein Schild von der Straße aus gesehen, das auf die hier nistenden Reiher-Arten hinweist und kam ins Gespräch mit dem Manager des Schutzgebietes. Schwupps waren wir zur Vogelexpedition eingeladen.

Mit einem Metallkahn setzen wir über zu einer Insel, auf der tatsächlich Unmengen von Reihern umherfliegen. Im Schilf und vor allem in den Baumwipfeln wimmelt es nur so von den Vögeln: Manche sind braun-grau (das müssen wohl Rordommeln sein), manche gänzlich weiß, und manche weiß mit einem orangefarbenen Hals.

Die Kronen der Bäume um uns herum sind voller Nester – es ist gerade Brutzeit und aus einigen Nestern sehen wir auch ein paar hungrige Schnäbelchen ragen. Vor allem der ganz weiße Reiher, der Seidenreiher, scheint recht selten zu sein. Er kommt im Sommer zum Nisten auf diese Insel, den Winter verbringt er im wärmeren Süden des Landes. Auch für mich ist es eine Premiere, in China ein Naturreservat für Wildtiere zu besuchen – gerade hier im viel bevölkerten Osten des Landes hätte ich so etwas nicht erwartet. Schön, dass unser Reiseplan Luft lässt für spontane Entdeckungen und Erlebnisse wie dieses!

Nachdem wir uns herzlich beim Vogelwart bedankt haben, radeln wir weiter in Richtung Suqian, einer weiteren recht unbedeutenden chinesischen Millionenstadt (etwa eine Million Einwohner im Stadtgebiet). Einmal mehr sind wir beeindruckt von der Wucht des zur Zeit stattfindenden Urbanisierungsprozesses. Gerade in Städten von der Größe Suqians ist galoppierende Urbanisierung am deutlichsten zu sehen: Riesige Gebiete außerhalb des Stadtkerns werden planiert, große Straßen angelegt, und dann schießen die gigantischen Neubaugebiete wie Pilze aus dem Boden. Die Dimensionen sind für uns Europäer kaum zu begreifen – sind denn wirklich so viele Menschen in den Dörfern dieser Gegend bereit, in die Stadt zu ziehen? Finden die dann alle Arbeit? Die Zentralregierung scheint da zumindest sehr optimistisch zu sein. Passend radeln wir dann auch auf der „Allee der Entwicklung“, fazhan dadao, in die Stadt hinein.

Am Nachmittag führe ich die Gruppe bei unserer Erkundung Suqians dann erst einmal zielgerichtet in die ödeste Ecke der Stadt – ich wiederum hatte mich von Baidu Maps, dem Chinesische Cousin von Google Maps, in die Irre führen lassen. Nun ja. Wir finden das Stadtzentrum doch noch irgendwie und lassen den Tag ganz gediegen mit einer chinesischen Massage ausklingen.

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