Wo ist die Post – Bankomaten sind widerspenstig

Die Schöne Insel, 21.10. bis 13.11.2011

Monika schreibt über unsere letzten beiden Tage, gute Tage! Der Track ist natürlich verzerrt, die Bahnfahrt rechne man uns bitte nicht an. Also erstmal gestern, da sind wir in die Taroko-Schlucht gefahren…

„In der Nacht ist alles verfügbare Wasser vom Himmel gefallen. Nichts ist mehr oben – wir bleiben trocken. Der morgendliche Blick geht weit über das Tal, über die Reisfelder und die Berge. Handtellergroße Spinnen haben sich in Sicherheit gebracht und baumeln fröhlich direkt neben neugierig heraus gereckten Köpfen und erschrecken verschlafene Radler.

Jan hat uns den Tag als interessant angekündigt. Kleiner Sprachexkurs: Interessant heißt – der Tag wird anders als geplant, keine Ahnung was passiert, mal sehen. Spannend heißt – um Himmels willen, was machen wir jetzt bloß, das verschweige ich jetzt wohl besser. Also nur interessant. Wir wollen zur Taroko-Schlucht und hoffen dass diese trotzt Wassermassen passierbar ist. Eine Straße ist den Bergen ist es jedenfalls nicht. Ein Erdrutsch. Wir nehmen den Zug und unser Begleitfahrzeug einen großen Umweg. Die Bahnstrecke ist eingeklemmt zwischen hohen Bergen und Meer und die Schienen führen teilweise direkt am Strand entlang. Nach 90 Minuten klettern wir mit unseren Rennern aus dem Zug und radeln bergauf in die Taroko-Schlucht hinein. Am Anfang des schmalen Taleinschnittes weisen Schilder auf mögliche Behinderungen hin. Giftige Schlangen neben der Straße, bröckelnde Felsen über uns, Wanderer bitte Helme aufsetzen. Interessant halt.

Keine Sorge nichts passiert – und die Schlucht ist wirklich schön. Die Straße windet sich den schmalen Taleinschnitt entlang, führt über viele Brücken und durch Tunnels. Unter uns arbeitet sich der Fluss emsig tiefer ins Gestein, färbt das Wasser sedimentgrau und schleppt riesige Steine talwärts. An den Bergen kleben Tempel, hoch über uns alte Pfade mit baufälligen Brücken. Die Felswände brechen senkrecht ab. Auf dem Rückweg erwischt uns doch noch eine Straßensperre – ein Bagger muss einen großen Felssturz beseitigen und schiebt emsig das herabgefallene Erdreich hin und her.

Inzwischen hat uns Root auch noch eingeholt. Heftig winkend kommt er uns im GIANT-Bus entgegengefahren. Er hat Gas gegeben, jetzt Hunger und lädt die Radler, die sich weit hochgewagt haben zu eine Portion Stinke-Tofu am Imbissstand ein. Das schmeckt und riecht wie es heißt. Heiko kauft hektisch einen Nussriegel, den wir uns teilen um den Geschmack loszuwerden.

Jetzt dürfen wir bergab sausen, dann eine superschöne Strecke direkt am Meer entlang. Wenig befahren, der Wind schiebt von hinten, wiegt Binsen und Palmen. Noch mehr positive Meldungen? Ja gerne – es gibt ausnahmsweise keine Berganfahrt zum Hotel. Wir rollen langsam in der Dämmerung in die Stadt. Einfahrten in die Stadt sind meistens sehr interessant. Heißt: anders als geplant. Oft wuselig, man verliert und verfährt sich, findet sich wieder, dafür das Hotel nicht. Neonreklame blinkt, aus Garküchen dampft es, der Essensgeruch ist vielversprechend. Die taiwanesischen Straßenreinigungswagen sind eifrig dudelnd unterwegs und eine Gefahr für orientierungslose Radler die länger an Kreuzungen herumstehen. Es soll schon vorgekommen sein, dass sie einfach verräumt wurden. Alles geht gut. Root ist wieder vor uns – hat sein Sprechfunkgerät umgehängt und lotst uns. Morgen ist Ruhetag.

Am nächsten Tag dürfen wir ausschlafen. Manche von uns wälzen sich erst kurz vor 11 Uhr aus den Betten. Andere sitzen angezogen wie Eskimos beim Frühstück. Die Klimaanlage ist voll aufgedreht. Wir ducken uns im letzten Winkel des großen Raumes wie eine Herde Schafe zusammen und retten fröstelnd die letzten Frühstücksutensilien. Heute ist Ruhetag. Eigentlich. Aber es gibt eine Menge zu tun. Wo ist das Postamt und sorgt dafür dass die Urlaubsgrüße ankommen? Welcher Bankomat spuckt Geld aus und nicht nur ‚Sorry‘ und nutzlose Quittungen. Und was bringe ich bloß den Verwandten mit? Wir strolchen über Märkte – Socken, gefälschte Sonnenbrillen, frische Fische, Glitzerschmuck direkt nebeneinander. Wir kaufen Essstäbchen und Ingwertee – finden funktionierende Bankomaten. – essen Nudeltaschen und mischen uns unsere scharfe Soße selbst zusammen.

Eine kleine Truppe macht sich per Fahrrad auf den Weg ans Meer. Nur Ruhe geben, das können wir dann auch nicht. Was für eine schöne Fahrt! Wir besuchen den Fischereihafen. Große Harpunen sind an den Fischerbooten befestigt und wir überlegen welches Abendessen damit wohl erlegt wird. Das schön gefärbte Meer wirft heftige Wellen mit Wucht an den Strand und der Wind zupft an uns.

Das Abendessen gibt es auf dem Nachtmarkt. Und dazu jede Menge Spiele die wir aus Jahrmarktzeiten kennen. Mit Bällen auf Dosen oder mit Pfeilen auf Luftballons werfen. Die Gewinne sind dann wahlweise Kuscheltiere, Wasserpistolen oder Comicbuttons.“


Zum Geleit

Berg und Wasser, 08. bis 29.10.2011

Heute ist der Tag des Abschieds gekommen.
Gestern hatten alle die Möglichkeit, zu tun und zu lassen was sie wollten. Keine nervige Katharina, die den Ton angibt und nach deren Pfeife man tanzen muss.
Zum gemeinsamen Abendessen, ein letztes Mal, trafen wir uns dann wieder. Noch einmal leckeres chinesisches Essen schlemmen. Sigi (Also Sigi, du siehst auch ich bin lernfähig) bekam seine geliebten Stangenbohnen.
Zum gebührenden Abschluss, warf Karl-Heinz ein, müsse man zu dieser „letzten“ Gelegenheit eigentlich unser Stammlokal der vorangegangenen beiden Abende aufsuchen, um da (erneut) das Spirituosenregal zu plündern.
Gesagt getan. Die Bedienungen begrüßten uns schon laut lachend, sie waren unseren Anblick schon gewohnt, auch den von Heinz vorm Schnapsregal. Gebührend beschlossen wir den Abend mit einigen Bieren und drei Flaschen Schnaps der Marke „Roter Stern“.
Es war schon spät, als wir das Lokal verließen. Als letzte Gäste ließen wir nur Koch und Bedienung zurück, eifrig damit beschäftigt eine Unmenge Knoblauch zu schälen, wie es schien, eine allabendliches Ritual.

Heute morgen letztes Frühstück dann eine kurze Verschnaufpause bevor ich meine Gruppe vor zur Kreuzung bringen werde, wo der Fahrer, ein quadratischer Beijinger – mehr breit als hoch-,schon auf uns wartet.
Silke und Andreas haben die Zeit noch genutzt, um nach Geschenken zu fahnden (unter anderem für mich, hihi). Sigi eröffnet mir in der Zwischenzeit, dass er in der vergangenen Nacht von unserem Abschied geträumt hätte. Alle hätten geweint, bis auf ihn und Hans.
So hochdramatisch fällt der Abschied dann doch nicht aus. Der Fahrer bugsiert die Koffer in den Minibus und scheint am liebsten so schnell wie möglich die Passagiere hinterher schieben zu wollen. Also kurz und schmerzlos, aber herzlich. Ein letztes Mal winken und dann verschwindet das Gefährt im Beijinger Verkehrsgetümmel. Und ich bleibe allein zurück.
Kurze Zeit später mache auch ich mich auf, in entgegengesetzter Richtung zum südlichen Flughafen der Stadt. Ich komme pünktlich zweieinhalb Stunden vor Abflug an. Wie gut, dass mein Flug (nach Chengdu) dann auch gleich zweieinhalb Stunden Verspätung hat. Wie anders ist dieser Flughafen als sein großer Bruder im Nordosten. Hier geht es zu wie auf dem Bahnhof (damit meine ich einen chinesischen Bahnhof). Es ist so laut, dass man keine Durchsage verstehen kann. Am Gate hat sich eine Menschentraube gebildet (nicht nur mein Flug hat Verspätung). Ein paar Witzbolde und Krawallmacher sind auch dabei. Dann gibt es endlich eine Essenlieferung für die Wartenden. Ein Aufschrei geht durch die Menge und alles rennt zur Ausgabe, egal ob in Turnschuhen oder auf 12-cm-Absätzen. Kurze Zeit später ist nur noch einvernehmliches Schmatzen zu hören und es herrscht zu ersten Mal so etwas wie Ruhe.
Dann wird auch mein Flug aufgerufen.
Im Flugzeug. Der alte Mann neben mir lacht die ganze Zeit. Aus dem Augenwinkel sehe ich, die „drei Damen vom Grill“ in der Sitzreihe nebenan. Sie beobachten mich. Die eine schaut schnell weg als ich mich unvermittelt umdrehe, die andere muss lachen.

Hier noch einmal ein großes Dankeschön an meine Gruppe, die jetzt im Flugzeug nach Frankfurt sitzt. Es war eine schöne Reise. Unkompliziert und entspannt, einfach angenehm eben, mit einem rasanten Beginn in Guilin und einem hochprozentigem Ende in Beijing.