In Tata-Land

Auf dem Dach der Welt, 27.09. bis 22.10.2011

Wo wir hier wieder gelandet sind! Wer meint, dass Reisen immer gleichförmiger wird und immer weniger Überraschungen bietet, etwa weil die Welt sich insgesamt immer mehr annähert, der sollte mal die Grenze von Tibet nach Nepal überschreiten. Unterschiedlichere Welten lassen sich nämlich kaum vorstellen, es ist als sei man plötzlich in einem anderen Film gelandet. Die Grenze selber war die verrückteste, die ich bisher erlebt habe. Mengen nepalesischer Frauen haben sich darum gerissen, unser Gepäck zu tragen, die Chinesen waren professionell (und wieder viel freundlicher als erwartet), die Nepalesen gemütlich und sympathisch (dazu passend: Schreibfehler sogar auf dem Visumsformular). Dann ab ins bunte Chaos.

Tibet war kühl, karg, majestätisch in seiner Landschaft. Leer und weit. Nepal ist warm, üppig, bunt. Das Leben tobt anarchisch vor sich hin. Die Leute lachen, unsere Lungen sind zum Bersten mit Sauerstoff gefüllt und wir fühlen uns fantastisch. Es ist ungemein interessant, wie sehr die Natur die menschliche Natur beeinflusst, wie sehr der Himalaya das Klima, die Kulturen, die Mentalitäten trennt. Die wortkargen Tibeter von den lebhaften Nepalesen. Lhasa Beer wird zu Everest Beer, war für uns ja auch nicht unwichtig ist.

Unsere Beherbergungen waren schön, mit den Backpackern im „Last Resort“, jetzt mit den etablierten Reisegruppen im Bergresort von Dulikhel, was sehr mondän ist. Das Last Resort ist bekannt für sein Bungee, von der Hängebrücke geht es hier 160m runter. Nur Peter hat sich freiwillig in die Tiefe gestürzt, ein Sprung von hoher Eleganz (leider von meiner Kamera nicht dokumentiert, da kurz zuvor die Batterie ihren Geist aufgegeben hat). Der Weg heute war schön und holprig: die Straße war an vielen Stellen aufgerissen bzw. von Erdrutschen verwüstet, der Verkehr war wild. Allgegenwärtig sind die Tata-LKWs und –Überlandbusse, vollbeladen deren Innenräume und Dächer. Tata ist ein indisches Konglomerat, der größte Stahlproduzent der Welt und auch ein erfolgreicher Autobauer. In Nepal und wohl auch in Indien ist Tata überall präsent, bei uns unbekannt (obwohl man kürzlich Jaguar und Land Rover geschluckt hat).

Die LKWs sind lustig bemalt und mit einfallsreichen Hupen ausgestattet, deshalb will man ihnen fast verzeihen, dass sie einen ständig über den Haufen fahren wollen. Falls vor die Wahl gestellt: den Führerschein sollte man in Nepal und nicht in Tibet machen, dann hat man die Feuertaufe überstanden. In Tibet erschrecken die Fahrer vor jedem anderen Auto, so wenig ist da los. Morgen wird für uns noch mal extremer, Stadteinfahrt nach Kathmandu.


Die Wende

Berg und Wasser, 08. bis 29.10.2011

Unsere heutige Wegstrecke ist eine recht kurze und so finden wir nach dem Frühstück noch Zeit über den Markt zu spazieren, der in den Gassen gegenüber des Hotels aufgebaut ist. Gemüse, Fisch, Fleisch, Gummistiefel – für jeden Geschmack ist etwas dabei.
Danach schwingen wir uns auf die Räder und fahren die knapp 30 km nach Rongshui, unserer nächsten Station. Hier steht die Besichtigung des Laozishan an, einem Karstberg mit buddhistischen Reliefs und Tempeln, die zum Teil in Felshöhlen geschlagen wurden.
Da unser Frühstück ziemlich reichlich ausgefallen ist, lassen wir das Mittagessen weg und machen uns nach einer kleinen Pause direkt in Richtung Laozishan auf.
Wir bieten wohl eine eigenartiges Bild in dieser Stadt, die bisher wohl nur selten Ausländer gesehen hat. Die Verkäuferin eines kleinen Supermarktes äußert sich überrascht darüber, wie viele wir sind (wir sind sieben). Unser Trupp schiebt sich langsam durch die Mittagshitze, die immer unerträglicher wird. Unterwegs begegnet uns mal wieder einiges Kurioses. Z.B. eine Zahnarztpraxis, die sich halb auf der Strasse halb im Schaufenster befindet, wir stehen direkt neben dem Patienten und sehen zu, wie ihm gerade ein Loch ausgebohrt wird.
Am Fuße des Berges angekommen, pausieren wir bei einem leckeren chinesischen Stieleis, die Hitze ist wirklich kaum noch auszuhalten, dann machen wir uns an die Besteigung.
Ein Weg führt direkt auf die Spitze des Berges, hier hat man wirklich eine wunderbare Sicht auf die Stadt und die sie umgebenden Kegelberge. Zeit zu verweilen, dem bereits gesehenen und erlebten nachzusinnen. Uns wird plötzlich bewusst, dass wir schon am Wendepunkt unserer Reise angekommen sind – heute ist Bergfest.
Auf dem Rückweg kehren wir in ein Strassenrestaurant auf ein Bier ein.

Heute ist der 18. Oktober, ganz offensichtlich ein guter Tag um zu heiraten. Das mag am Datum liegen. Im chinesischen spielen Zahlen eine wichtige Rolle – die Acht ist eine der absoluten Glückszahlen und wird mit Wohlstand gleich gesetzt. Wir entdecken gleich mehrere Hochzeitsgesellschaften und an verschiedenen Stellen der Stadt werden Feuerwerke entzündet. Simone, Siggi, Hans und Heinz werden sogar auf eine Hochzeit eingeladen. Heinz nimmt diesmal artig die vom Bräutigam angebotene Zigarette an und klemmt sie, wie beobachtet, hinters Ohr. Die eigentliche Einladung schlagen die vier aber aus, morgen liegt eine lange und etwas anstrengendere Etappe vor uns, die fährt sich nicht so gut mit Kater.
Vom Restaurant, wo wir zu Abend essen, können wir den großen Platz (der allerdings kleiner Platz heißt) überblicken. Mehrere Tanzgruppen haben sich hier versammelt, aus diversen Lautsprechern dröhnt Musik und die Damen wiegen sich dazu mit Fächer im Takt, andere tanzen mit ihren Freundinnen Standard-Tänze.
Wir feiern unser Bergfest mit einer Halbliterflasche 52prozentigem (vermutlich Rasierwasser) und ich bekomme zur Feier des Tages einen Wasserkocher geschenkt. Insgeheim bin ich recht froh, dass wir ein Begleitfahrzeug haben.
Nach dem Essen wollen wir die Tänzer auf dem Platz hautnah erleben. Die ganze Stadt scheint noch auf den Beinen zu sein. Eine junge Mutter präsentiert uns stolz ihr Kind. Siggi holt Bier und Silke und Andreas haben entdeckt, dass es hier sogar „Netz“ gibt und spielen gedankenverloren mit ihren IPhones.


Pilgerleben I

Berge, Tempel, Thangkas, 24.09. bis 24.10.2011

Ruhetag in Xiahe und Besichtigung des Labuleng Klosters, ein Runde im Strom der Pilger an den langen Reihen der Gebetsmühlen entlang

Xiahe ist kein zu große Städtchen, ca. 100.000 Menschen wohnen hier. Als wir gestern von Osten eingefahren sind, haben wir zuerst den chinesischen teil der Stadt durchquert, hier tobt der Bauboom, zahlreiche Hochhäuser entstehen und die Stadt gleicht allen anderen chinesischen Boomkreisstädten. Im alten zentrum finden sich dann ein paar moderne Hotels und geschäftsbauten, aber schon in der zweiten Reihe dominieren die tibetischen Häuser und am westlichen Ende befindet sich dann das Labulen Kloster oder auf Tibetisch auch Labrang Kloster. Traurige Berühmtheit hat es 2008 im März erlangt, als hier nach ersten Ausschreitungen Proteste ausbrachen, inzwischen ist aber wieder Ruhe eingekehrt ins Alltagsleben der Stadt und seiner zahlreichen Pilger.
Das Labrang Kloster ist eines der sechs großen Klöster der gelmützen Sekte, gegeründer von Tsongkhapa, dessen Führungsfigur der Dalai Lama ist. gegeründet im Jahre 1709 beherbergte das Kloster Anfang des 20. Jahrhundert 2000 Mönche und war eine der größten tantrischen Universitäten des Reiches. Inzwischen gibt es wieder fast 1000 Mönche, die den großen Komplex bewirtschaften und mehrere zehntausend Pilger aus allen Teilen des landes finden sich ein.
Am Morgen hatten wir ein weißes Wunder erlebt, es schneite, als ich um 7 Uhr einen verschlafenen Blick aus dem Fenster warf. Jegliches hat seinen Sinn, dachte ich bei mir, denn eigentlich hätten wir heute über den letzten 3000er Pass klettern müssen, was uns aber erspart blieb, da wir ja gestern im Grasland keine Herberge gefunden haben. Nach dem lausigen Frühstück im Hotel kommt dann aber langsam die Sonne heraus und wir spazieren die 2 Kilometer westlich bis zum Kloster. Es ist noch ein wenig früh und so ziehen noch nicht zu viele Pilger ihre Kreise. Außen um den Komplex befindet sich ein vielleicht 5 oder sechs Kilometer langer Barkhor, der an drei Seiten lange überdachte Wandelgänge mit unendlich vielen Gebetsmühlen beherbergt. Hier rasen die Pilger in Höchstegeschwindigkeit vorbei, in der linken Hand den Rosenkranz und mit der rechten Hand die Gebetsmühlen drehend murmeln sie ihr „Omanipatmehum“ vor sich hin. Der Klang der Gebetsmühlen ist ähnlich meditiativ, manche Knarren oder Grollen oder Quietschen. Auf dem Rundweg liegen die Eingängen zu allen Tempeln der Anlage. Hier biegen dann die Pilger ab und drehen auch ihre Runden um die inneren Heiligtümer. Leider ist es nicht erlaubt im Inneren der Tempel zu fotografieren und auch zu den Zeremonien der Mönche werden die Touristen, als auch die Pilger rausgekehrt und man hört die Gesänge der Sutras nur durch die Türen.
Große Schilder in Englisch gehalten, weisen uns darauf hin, nicht zu spucken, nicht zu lärmen und nicht zu fotografieren. Nachdem wir in den letzten zwei Wochen keine einzige Langnase getroffen haben, sind wir nun wieder zurück auf den gängigen Touristenrouten, aber im Momnet ist nicht die Hauptsaison und so haben wir lediglich eine einzige Gruppe von Franzosen getroffen.
Aber es ist auch gar nicht so wichtig in den finsteren, nur durch Butterlampen beleuchteten Tempeln zu fotografieren, denn das eigentlich fasznierende Pilgerleben spielt sich davor ab. Vertieft in ihre Umrundungen und Gebete macht es Freude, die Gesichtervielfalt der Tibeter zu studieren. Läuft ein Fotomodell zu schnell vorbei, dann wartet man einfach, bis die alte Frau oder die Familie oder der Mönch eine weitere Runde um den Tempel absolviert hat und wieder im Sonnenlicht auftaucht.
Am westlichen Ende des Tempelbezirks warten die Weihrauchverkäufer, die Äste eine Nadelgehölzes, meist Wachholder, verkaufen, welches in einem großen Ofen verbrannt wird und dicke weiße Rauchschwaden in den Himmel schicken.
Dann geht es an der hinteren Klosterfront wieder zurück, hier drängen sich die Pilger dicht an dicht und auch hier gibt es noch einige kleine Tempel in denen sich alles staut, denn die Gebetsmühlen sind in dem schmalen Gang auf beiden Seiten angebracht und nun wird es doppelt so eng. Leider ist das Licht katastrophal schlecht, aber einige gute Schnappschüsse gelingen mir doch im Gedränge.
Nach einer Rund sind wir recht müde vom vielen Sehen und ziehen in ein kleines Restaurant mit Dachterrasse und gutem Blick übers ganze Kloster ein. Das Essen ist recht pasabel, der Yak auf unserem Teller erstunlich saftig und nicht zäh.
Der Nachmittag endet dann recht gemütlich mit einem Bummel in der Stadt und einem recht guten Feuertopfessen. dabei diskutieren wir, was wir mit dem gewonnenen Tag machen und einigen uns auf etwas Freiheit, so hat jerder noch einmal die Möglichkeit, das geschäftige Treiben im tempel zu genießen oder auf die umliegenden Berge zu klettern.