„Mal abhängen“

Berg und Wasser, 08. bis 29.10.2011

Ich verliere meine Glaubwürdigkeit! Gestern habe ich meinen Begleitern von den handtellergroßen Spinnen des Laozishan erzählt (die wir da letztes Jahr zu Hauf am Wegesrand beobachten konnten), aber da waren keine. Heute habe ich alle auf das „abgeranzte“ Hotel ohne Warmwasser vorbereiten wollen und nun wohnen wir in dem neugebauten superschicken Teil des Hotels (genauer gesagt im 4. Stockwerk, alle übrigen befinden sich noch im Bau) mit Fenstern bis auf den Boden und einen umwerfenden Blick auf Baishou und Umgebung. Gerade verschwindet die Sonne hinter den graugrünen Bergen – ich kann es immer noch nicht fassen.

Unsere Reise hat uns heute zurück in die Karstlandschaft geführt, von der wir vor einer Woche aufgebrochen sind. Alle waren nach den entspannten Etappen der letzten Tage mal wieder froh, einen richtigen Berg zu fahren. Siggi hat sich schon beschwert, dass er gar nicht mehr ins Schwitzen kämme. Tja, dazu hat er heute genug Gelegenheit.

Als wir den ersten schwierigen Streckenabschnitt überwunden haben und uns einer Talsohle nähern, hören wir schon von weitem Musik aus einem Wäldchen tönen. Als wir näher kommen sehen wir zwei Männer, die in Hängematten „abhängen“ und uns gemütlich vor sich hin schaukelnd, nachschauen.

Auf halber Strecke legen wir unsere Mittagspause eine. Das Lokal gleicht eher einem Tanzsaal oder einer Spielhalle, die zum Abriss bereit steht. Die Wirtin vergisst die restlichen Biere zu bringen, Siggi wird ein bisschen grantig, aber Hans erträgt es mit Humor. Wir bekommen leckere Nudelsuppe mit Tomaten und Ei. Und auch die vier fehlenden Biere stehen bald auf dem Tisch. Genau das richtige bei der Hitze. Der Küchenchef kennt unsere Tour genau, da wir normalerweise jedes Jahr hier Halt machen. Er würde uns gerne ein Stück auf dem Rad begleiten, da er aber kürzlich einen Radunfall hatte und noch etwas lädiert ist begleitet uns seine Frau allein bis zum nächsten Pass.

Die letzten 10 km der Strecke ziehen Simone, Heinz und Hans plötzlich das Tempo an und wir lassen uns alle mitziehen. Wir rasen nur so durch die atemberaubende Landschaft.
Danach dringend ein Bier – muss sein!


Pilgerleben II

Berge, Tempel, Thangkas, 24.09. bis 24.10.2011

Noch ein Ruhetag in Xiahe und noch einmal ein ruhiger Rundgang durchs Labrang Kloster, Besteigung der Hügel rund ums Kloster, meditativer ruhiger Tag bei trüben 14 Grad und nachmittags Regen

Es scheint, dass die Pilger sehr wetterabhängig ihre runden drehen, gestern war es mehr als belebt auf dem Rundgang und heute ist fast nix los. Die Sonne hat sich hinter dichten grauen Wolken versteckt und ab und zu nieselt es. Der wetterbericht für lanzhou stimmt mich nicht sonderlich optimistisch.
Zum Fotografieren der Gesichter ist es heute jedoch optimal, die starke Hochgebirgssonne kann keine dunklen schwarzen Schatten werfen, dafür muss man halt die ISO-Zahl etwas hochschrauben.
Zum Frühstück kehren wir in einem typischen Backpackerladen ein und dort gibt es natürlich dann auch Bananapancake und Yoghurt mit Früchten, der Lhasa Kaffee stellt sich dann als ein eher indisches Teegetränk heraus, trotzdem aber lecker.
Von den Hügel rund um das Kloster hat man eine hervorragende Sicht über das ganze Tal. Zwischen den Tempeln liegen, in gleichmäßige Quadrate aufgeteilt, die Wohnhöfe der Mönche. Die goldenen Dächer glänzen heute nicht im gleißenden Sonnenschein, sondern passen sich der herbstlichen Landschaft rundherum an.
Hinter dem Tempel liegt ein Kloster für die Novizen, hier sind sogar lange haare erlaubt, die die jungen Mönche zu einem Zopf geflochten und unter einem Tuch verdeckt um den Kopf gerollt haben. Es läuft gerade eine zeremonie für eine Pilgergruppe und nur mit Mühe dürfen wir in einer Ecke Platz nehmen und den Singsang beobachten. Danach, die Prozession ist nicht nicht zu Ende, werden wir recht mürrisch und unhöflich nach draußen gekehrt.
Hinter dem letzten Tenpel gibt es nichts Städtisches mehr, müde Hunde bewachen die festungsgleichen Höfe, an einigen Häusern wird noch gewerkelt, um einen Wassergraben oder eine Wand vor dem Winter fertig zu stellen. Ganz hinten im Dorf stehen zwei Yakkälbchen auf einer trockenen Weide, die beiden Tiere sind noch nicht mal eine Woche alt und haben keinerlei Angst und scheu vor der Welt und mir.
Auf dem Rückweg begegenen wir noch dem ein oder anderen Pilger, ich will eine frau befragen, wieviel Zeit sie für die Hardcore- Umrundung des Klosters benötigt, aber sie lacht mich nur an und versteht kein Wort Chinesisch, schade. Aber sie posiert gerne fürs Foto, es ist die Dame mit den „Holzschuhen“ an den Händen. Als wir wieder weg sind wirft sie sich wieder der länge nach hin, spricht ein kurzes Gebet, steht auf und wirft sich wieder hin. Ich versuche nachzurechnen, also die Frau ist 1, 70m groß und schafft zwei Körperlängen pro Minute, der Rundweg beträgt 6 Kilometer plus zwei Kilometer für die Umrundungen der inneren Tempel, dabei kommt sie auf 4705 Niederwefungen, wofür sie dann fast 40 Stunden effektiv und ohne Pause unterwegs ist. Wenn sie jeden Tag also 10 Stunden ihren Weg fortsetzt, ist sie also 4 Tage für eine Runde unterwegs…..danach ist der Geist definitiv von jeglichem bösen Gedanken befreit.
Zurück in der Stadt treffen wir auf zwei deutsche Radler aus Hamburg. Johanna und Andreas sind seit März unterwegs und haben als „Wessis“ natürlich die südliche Route gewählt. Mit massiv viel Gepäck haben sie sich durch die Türkei und Kirgsien bis nach China durchgestrampelt und wollen weiter nach Süden und dann nach Vietnam. Viel Glück und viel Spaß, ihr Abenteuer ist nachzulesen auf: www.cycle-the-world.de
Wir starten dann morgen auf unsere letzten drei tage in Richtung Lanzhou und kehren Tibet und den tempel und den Tankhas den Rücken, wieder geht es vor allem durch moslemisches Hui- Land und dann bald nach Hause, für meine Truppe ist es ein „Schon“, für mich nach mehr als 6 Monaten ein „Endlich“.