Nur mal schnell zum Mekong

Auf den Spuren von Wanda, 26.09. bis 14.12.2013

Königsetappe. Legenden, Drama, Nebel, Sonne. Alles zwischen 10 und 25 Grad

Wenn Chinesen Straßen bauen, machen sie es richtig. Weg mit störenden Bergen, Häusern oder anderen Hindernissen. Täler werden überbrückt, Pässe untertunnelt und Dörfer umgesiedelt.

Manchmal steht aber auch die Topographie dagegen. „Nur mal schnell zum Mekong“, wie Uli es in einer Bierlaune ausdrückte, heißt auch für den Straßenbauer, dass sich ein über 4.000 Meter hohes Felsmassiv nicht so einfach ignorieren lässt. Auch wir haben Respekt vor der heutigen Etappe, holen unsere Räder aus dem klostereigenen Minimarkt und satteln gegen 8:30 die Drahtesel. Auf den ersten Kilometern haben die chinesischen Straßenbauer ganze Arbeit geleistet. Verschwunden sind die endlosen Auf-und-Ab-Fahrten in jedes Seitental, die Andreas und mir vor acht Jahren das Leben so schwer gemacht haben. Flüsterasphalt und konstante 7-8 Prozent Steigung.

Bis die neue Straße ein Erdrutsch zugedeckt hat. Auf zwei Kilometer Länge. Das heißt für uns: Eine steile Rampe hinauf bis zur alten Straße, durchbrochener Asphalt, nun dann doch Steigungen bis zu 10 Prozent, aber immerhin ein Anflug von Nostalgie. Nach gut zehn Kilometern hat uns die neue Straße wieder, Straßenarbeiter aus Sichuan versichern uns, dass die neue Straße Erdrutsche und andere Unwägsamkeiten vergessen machen wird („so wie heute?“, liegt mir die Frage auf der Zunge). Die Luft wird dünn, die Steigung steil und die Luft zunehmend kühler. Nebel verdeckt die Bergspitzen, die ersten Radler steigen auf das Begleitfahrzeug um. Nur Christa zieht wie eine Nähmaschine nach oben und ward bis zum Abend nicht mehr gesehen.

Sehnsüchtig fällt der Blick auf fast fertiggestellte Tunnel, die unsere Strecke ein wenig abkürzen würden. Stattdessen: Ein Extrapass, irgendwo im Durcheinandern zwischen alter und neuer Straße eingefügt. Also drei Pässe über 4.200 Meter für uns, mit jeweils 100 Höhenmetern Abfahrt zwischen den Passhöhen und dann das gleiche wieder nach oben. Während Christa im Wortsinne über alle Berge ist, quälen Rudi und ich uns als die letzen Mohikaner die Nebel umwogenen letzten Meter den finalen Pass hinauf. 500 Meter Radeln, eine Minute Luftholen. Wieder 500 Meter Radeln, wieder eine Minute Pause. Schließlich stehen wir auf 4.290 Metern Höhe, könnte aber auch in der Lüneburger Heide bei Nebel stehen, die Aussicht ist die gleiche. Rudi schnappt nach Luft und fährt schon mal ab, ich warte auf das Begleitfahrzeug mit der Gruppe. Dramatisch reißt der Nebel auf und legt Bergspitzen frei, die ich in Europa in den Dolomiten verorten würde. Dann ist der Rest der Gruppe auf der Passhöhe angekommen.

Eine kurze Abfahrt, dann wartet Rudi auf uns, von Christa immer noch keine Spur. NUn laden auch Rudi und ich unsere Räder auf das Auto und fahren gemeinsam mit der Gruppe nach Deqin. Da wartet dann nach Christa. Wäre dies die Tour de France, Christa hätte heute den entscheidenen Vorsprung herausgefahren.

Dann schlägt die große Stunde unseres Fahrers. Beziehungsweise seines Navigationssystems. Unser Hotel sei nicht in Deqin, sondern in Feilaisi, 10 Kilometer weiter. Leider bin ich zu müde, um zu insistieren, dass ich ein Hotel in der Stadt und nicht in der Tourizone gebucht habe. Das bringt uns eine halbstündige Fahrt bei Dämmerung nach Feilaisi, und dann, nachdem Xiao He, unser Fahrer eingesehen hat, dass das Hotel doch in der Stadt liegt (weil das Hotel in seinem Navi zwar ähnlich heißt, aber keine Zimmer mehr hat), eine halbstündige Fahrt bei Dunkelheit wieder zurück nach Deqin.

Das Hotel in Deqin weiss dann von uns, wir halten kurz den durchschwitzten Körper unter warmes Wasser und kehren in der kleine Garküche gegenüber für das bisher beste Essen der Tour ein.
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