Staatsempfang

Die Drei Schluchten des Yangzi, 13.09. bis 08.10.2013

Unsere heutige Fahrt von Shanyang nach Manchuan ist eindeutig der Tag der Brücken und zwar vor allem der Hängebrücken. Bestimmt ist fast jeder heute mindestens einmal auf den Holzplanken hin- und zurückgerattert und hat sich dabei in voller Fahrt fotografieren lassen. Aber lassen Sie sich nichts einreden – so abenteuerlich wie es vielleicht aussieht ist unsere Streckenführung auch nicht und geschaukelt hat es am Ende auch nicht allzu sehr.

Was bei mir bisher als ein Haupteindruck der Radtour hängengeblieben ist, sind relativ wenig befahrene und sehr gut zu fahrende Straßen mit höchstens mäßig steilen Anstiegen und schönen langen Abfahrten. Da wir momentan das Nord- und Südchina trennende Qinlinggebirge überqueren, folgen wir hauptsächlich den Flussverläufen und fahren dabei ab und zu über einen Pass. So geht es auch heute bis zum Mittag leicht abfallend ein langes Tal hinunter und wir haben noch keine größeren Anstrengungen hinter uns bringen müssen. Da fällt unser heutiges Mittag mit gekochtem Reis und verschiedenen Gerichten wohl doch etwas zu üppig aus, vor allem wenn die Passhöhe demnächst erst noch bevorsteht. Für die Zukunft wird also wieder die Nudelsuppe die erste Wahl sein.

Wenn man beim Radfahren so nach rechts und links an den Straßenrand schaut, wächst da immer eine ganze Menge an Bekanntem und vor allem auch Unbekanntem. Wir hatten z.B. schon Reis, Sesam, Granatäpfel, Mandarinen, Khakis, Pomelos, chinesische Datteln, Kastanien und noch einiges andere mehr. Seit heute fällt uns immer wieder ein Baum auf, bei dessen Früchten wir uns nicht so richtig einig werden. Die Blätter vielleicht eher wie bei einem Nussbaum, die Früchte rund und grün und später braun. Manche meinen, die Früchte sehen aus wie Feigen , Xiao Yang tippt auf Kastanien. Die Antwort bleibt aber vorerst offen. Beim Aufstieg zum nächsten Pass schließlich lässt sich das Rätsel lösen und ein älterer Herr mit Lastenmoped gibt Aufklärung. Es sind die Früchte des Tungölbaumes oder auch Holzölbaum. Kann man nicht essen sagt er, wenn man es isst, muss man sich übergeben. Hat man früher in China als Lampenöl verwendet, heute eher für Lacke, als Holzöl und auch als Motorenöl meint er und weist auf sein Gefährt.

Oben nach dem Pass gibt es dann nochmal eine richtig fetzige Abfahrt mit schönen Serpentinen und im Handumdrehen sind wir in Manchuan. Hier scheint man unsere Ankunft schon erwartet zu haben, das halbe Hotelpersonal drückt sich an der Eingangstür herum und kaum dass wir eingecheckt haben, steht die örtliche Parteisekretärin am Tisch und möchte uns eine kostenlose Führung durch die Altstadt geben. Und vielleicht hätte wir ja auch nichts dagegen noch ein Gruppenfoto zu machen und vielleicht auch noch ein paar Filmaufnahmen, der Regisseur ist ja auch schon da… Ach so. Naja wir gehen dann trotzdem erstmal duschen, aber natürlich wollen wir nicht unhöflich sein und die kostenlose Führung ausschlagen, schließlich wollten wir ja sowieso nochmal in die Altstadt.

An die Führung habe ich nur noch bruchstückhafte Erinnerungen – eine Parteisekretärin, die im Kauderwelsch chinesischer Tourismusbroschüren die Unterschiede an den Dachschnitzereien der zwei benachbarten Theaterbühnen erklärt, ein anscheinend unzufriedener Regisseur, der versucht dramaturgische Anweisungen zu geben, unsere Reisegruppe, die versucht etwas von meinen Erklärungen zu verstehen und dazwischen eine Menge fotografierender Chinesen, die sich freuen, dass endlich mal was los ist. Zum Glück wird es bald dunkel, das Kamerateam zieht ab und alles beruhigt sich langsam wieder. Nun ist es auch Zeit zum Abendessen. Die Parteisekretärin möchte eigentlich lieber, dass wir ins Hotel zurückgehen und dort essen, weil das die passendere Umgebung für uns wäre, aber wir bestehen darauf hier im Ort zu bleiben und im nächsten Restaurant einzukehren. Sie begleitet uns also in einen nahen Hinterhof und schärft dem Chef ein, dass er uns auf keinen Fall übers Ohr hauen soll. Der Chef hat schon eine mächtige Fahne und beteuert, dass alles mit rechten Dingen zugehen wird, er kann uns sicher auch ein bisschen Rabatt geben, wir sollen nur sagen, wieviel wir ausgeben wollen und er stellt uns was zusammen. Am Ende war es dann natürlich alles ganz ordentlich und problemlos und schließlich haben wir auch noch den selbstgebrannten Maisschnaps aus dem Plastekanister probiert.


Die steinerne Stadt

Die Oberen Schluchten des Yangzi, 17.09. bis 09.10.2013

Transfer nach Baoshan

Nach einer Morgenübung am Laufband verlassen wir mit Sack und Pack Seans Guesthouse, begleitet von Lucy, der Tochter des Wirtes, die uns die nächsten Tage durch die Berge führen wird.

Von der Tigersprungschlucht aus sind es noch etwa 120 km nach Baoshan (wenn man über die stellenweise sehr schmale Straße fährt, zu Fuß würde man zwei bis drei Tage über die Berge gehen), dem Ausgangspunkt unserer Trekking-Tage. Doch zunächst müssen wir den Jangtse überqueren, der hier noch Goldsandfluss heißt. Das klingt einfacher als es ist, denn von der Straße bis zum Fluss sind noch einige Höhenmeter zu überwinden und wir merken, dass wir einiges an Gepäck dabei haben. Noch schwerer hat es allerdings der Kapitän, denn seine Fähre liegt heute am anderen Ufer und es gibt keinen Mechanismus, der das Schiff herbringen würde. Mit aller Kraft und erstaunlichem Geschick rudert er also in einem winzigen Schlauchboot durch die Stromschnellen, um uns kurze Zeit später nach Daju überzusetzen.

Die kleine Ebene über dem Fluss ist intensiv bewirtschaftetet und von hohen Bergen umgeben. Im Moment wird vor allem Mais angebaut, nicht etwa als Speise für die hiesige Bevölkerung, sondern zur Herstellung von Alkohol und als Viehfutter, wie wir später erfahren sollen.

Die Autofahrt nach Baoshan führt uns über einen 3.100 m hohen Pass (die Baumgrenze liegt in dieser Gegend bei etwa 4.200 m, also gibt es hier noch viel Vegetation und nur der Blick auf das GPS verrät die eigentliche Höhe), die Dörfer werden kleiner und der Weg schlängelt sich von der bewirtschafteten Fläche hoch in die Nadelwälder – ich mag die Kombination aus dem frischen Grün der Kiefern und dem tiefen Rotbraun der Erde, es fehlt nur noch das Blau des Himmels, denn heute Vormittag ist es bewölkt und regnerisch. Der Motor brummt, es ist warm, und ich döse vor mich hin. Den Großteil der Strecke habe ich verschlafen. Als ich aufwache sind wir kurz vor Baoshan, vor uns liegt die tiefe Jangtseschlucht, rechts und links Terrassenfelder soweit das Auge reicht, bald ist die Straße zu Ende. Der Trubel der Städte fällt schlagartig von mir ab, das Trekking kann beginnen.

Baoshan heißt eigentlich Schatzberg, wird aber von den Einheimischen nur die Steinerne Stadt genannt. Am Stadttor sitzen ältere Damen und Herren beim Schwätzchen zusammen, tief unten fließt der Jangtse träge daher und von der Terasse unserer Unterkunft öffnet sich der Blick auf das zusammenhängende Dorf, das wir nach einigem Auf- und Ab erkundet haben.

Im dorfeigenen „Museum für Steinkultur“ können wir die alte Küchen- und Arbeitseinrichtung ausprobieren – das Zerkleinern der Mais- und Reiskörner ist Schwerstarbeit. Wie alt der in Stein gehauene Raum ist, kann uns der Museumswächter auch nicht sagen. Die Werkzeuge finden sich aber überall im Dorf wieder, wie auch einiges Vieh und vor allem Perde. „Die Felder befinden sich auf halber Höhe zwischen Fluss und Dorf, jegliche Ware muss auf dem Pferderücken hochtransportiert werden. Es ist ein ständiges Kommen und Gehen“, erzählt einer der Dorfbewohner, der ein wenig Hochchinesisch spricht. Bei allen anderen hübsch in Trachten gekleideten Einwohnern bleibt das berühmte Lachen das einzige Kommunikationsmittel, der lokale Dialekt ist weder für mich noch für Lucy verständlich.

Am Abend erstehen wir für Henning eine Tube Sekundenkleber. Seine Schuhe haben begonnen, sich an der Sohle aufzulösen und wir hoffen, dass sie die Wanderung gut überstehen.