Dao le – Qingdao le!

Kaiser, Kanäle, Konfuzius, vom 12.10. bis 03.11.2016

Ankommen ist zuweilen schwer. Zuhause noch einen letzten Arbeitstag, die Blumen gießen, das Haus herbststurmsicher machen. Langer Flug mit wenig Platz. Und zuhause hatte die Friseurin keinen Termin!

Zumindest bei Letzterem konnte Abhilfe geschaffen werden.

Es konnte eigentlich gar nichts schief gehen am heutigen Tag. Das Wetter hält sich nicht den Bericht, es scheint die Herbstsonne, was die Jahreszeit so hergibt, ein leichte Brise weht vom Meer – und Qingdao-Bier vom Fass schien für die Nacht ein gutes Mittel gegen Jetlag gewesen zu sein.

Es geht uns also gut, und Qingdao macht es uns leicht, anzukommen. Die Sinologen werden den billigen Kalauer schon erkannt haben: Wir hatten ein leichtes Ankommen, qingdao le 轻到了also, wobei das natürlich Küchenchinesisch ist, aber gerade schon schön passte, da gleiche Umschrift, aber andere Zeichen, unsere erste Station eben Qingdao 青岛 ist, die „grüne Insel“.

Qingdao von von 1898 bis 1914 deutsche Kolonie, und das merkt man der Stadt immer noch an. Während sich in den anderen ehemals von ausländischen Mächten besetzten Küstenstädten Chinas die westlicher Architektur auf einzelne Stadtteile beschränkt, ging man in Qingdao mit deutscher Gründlichkeit vor. Die bestehenden chinesischen Fischerdörfer wurden abgerissen und eine typische deutsche Kleinstadt auf die Halbinsel gesetzt, die die Chinesen „grüne Insel“, Qingdao nannten. Es war im Jahre 1898, als die Deutschen mit der Gründung der Stadt Qingdao (Tsingtao nach der alten Umschrift) und der Pachtung des angrenzenden Jiaozhou auf die koloniale Bühne Chinas traten.

Es dauerte keine zwei Jahre, und schon wurden sie zum Hauptdarsteller. Als im Jahre 1900 ein deutscher Missionar bei Qingdao ermordet wurde und man diesen Mord dem chinesischen Geheimbund der sogenannten „Boxer“ (Yihetuan auf chinesisch, „Bund der Rechtschaffenheit und der Harmonie“) zuschrieb, wurde der Ruf laut, Vergeltungsmaßnahmen gegen China und seine Bevölkerung einzuleiten. Eine gleichzeitige Kriegserklärung der Kaiserwitwe Cixi an die Westmächte lieferte den Vorwand, mit aller Härte gegen China vorzugehen. „Germans to the front!“, hieß es. In seiner Hunnenrede vom 27. Juli 1900 wies Kaiser Wilhelm die deutschen Soldaten an, keine Rücksicht auf Verluste zu nehmen: „Kommst ihr vor den Feind, so wird derselbe geschlagen! Pardon wird nicht gegeben! Gefangene werden nicht gemacht! Wer euch in die Hände fällt, sei euch verfallen! Wie vor tausend Jahren die Hunnen unter ihrem König Etzel sich einen Namen gemacht, der sie noch jetzt in Überlieferung und Märchen gewaltig erscheinen läßt, so möge der Name Deutscher in China auf 1000 Jahre durch euch in einer Weise bestätigt werden, daß es niemals wieder ein Chinese wagt, einen Deutschen scheel anzusehen!“ Auch wenn der Wortlaut der Rede in der späteren Veröffentlichung abgemildert wurde, waren dies die Worte, mit denen die deutschen Soldaten nach China fuhren, wo sie an der Spitze der „Acht-Mächte-Armee“ Beijing besetzten. Angesichts des damaligen brutalen Vorgehens deutscher Truppen ist es erstaunlich, wie stolz die Bewohner Qingdaos heute auf das deutsche Erbe sind.

Mit Beginn des Ersten Weltkrieges 1914 fand die deutsche Kolonialherrlichkeit an Chinas Ostküste jedoch ein jähes Ende. Japan besetzte Qingdao und bekam es laut dem Versailler Vertrag nach dem Ersten Weltkrieg zugesprochen, eine Entscheidung, die den Zorn der chinesischen Intellektuellen auf sich zog und Katalysator für die Vierte-Mai-Bewegung war, die endgültig die geistigen Pforten zum modernen China aufriß. 1922 schließlich gab Japan Qingdao an China zurück, nur um 1938 wiederzukehren und die Stadt ein zweites Mal bis 1945 zu besetzen.

Seitdem in chinesischer Hand, gewann Qingdao, neben Dalian wichtigste Hafenstadt Nordchinas, mit Beginn der Reform- und Öffnungspolitik zunehmend an wirtschaftlicher Bedeutung und hat heute hinter Shanghai, Dalian und Tianjin den viertgrößten Hafen Chinas.

Davon sehen wir aber recht wenig, und spazieren gemächlich durch die „deutsche“ Altstadt. Im Zentrum steht die ehemalige St. Michaelis-Kathedrale, heute schlicht „Katholische Kirche“ genannt. In meiner Heimatstadt Weiden steht die exakte Kopie. Wahrscheinlich eher umgekehrt. Auf jeden Fall stand Conchita Wurst Patin für das Jesusbild.

Die Kulisse finden nicht nur wir äußerst charmant, sondern auch ein gutes Dutzend Hochzeitspaare, die hier ihre Erinnerungsfotos schießen, streng angewiesen von der Fotocrew und höchst inszeniert.

Der Stadtspaziergang macht dann doch irgendwann müde. Nach einer Riesenportion Maultaschen mit Shrimp- und Makrelenfüllung füttert die Gruppe für zwei Stunden ihr Jetlag.

Dann ist es Zeit für das Abendprogramm: Besichtigung der alten Qingdao-Brauerei und anschließend wissenschaftliche Verkostung. Geschmack stimmte, die Menge auch. Es schläft sich gut mit Meeresbrise und Hopfenkeule.

Freitag nach eins …

Entlang der Teestraße, vom 25.09. bis 17.10..2016

41 km nach Jinghong

Wir sitzen vor unseren Nudelsuppen. Es ist ein trüber Tag. Ein leichter Nieselregen zieht sich durch den Morgen. Bisher keine Elefanten in Sicht. Langsam setzt sich unser müder Trupp in Bewegung. Es ist unser achter Radtag in Folge und langsam wird es Zeit für einen Ruhetag. Der erwartet uns dann Morgen im tropisch heißen Jinghong. Und wie unsere Tour begann, so endet sie auch: Mit einer ausgesucht holprigen Strecke. Wir rütteln uns die Berg hinauf und wieder hinab.

Kurz nach Abfahrt gelingt es uns auch einige Elefanten durch das Blattwerk des Wildgeheges zu erspähen. Gegen einen Besuch des Naturparks entscheiden wir uns dann dennoch. Der Andrang an Touristenbussen, an denen wir uns mit unseren Rädern vorbei quetschen und der zugehörige Lärmpegel wirken dann doch etwas abschreckend.

Ziemlich zügig, gestärkt durch leckere Banänchen und Drachenfrüchte, erreichen wir dann Jinghong in Xishuangbanna. Ein letztes gemeinsames Schmutzbier, ein letztes Gemeinsames Mittagessen und diesmal, zur Feier des Tages, ausnahmsweise mal keine Nudelsuppe oder gebratener Reis.

Dann verfahren wir getreu nach dem Moto: Freitag nach eins, macht jeder seins. Der eine genießen ein Tässchen leckeren Yunnan-Kaffee, der andere geht spazieren. Gegen Abend erwarten wir die nächste Reisegruppe, mit der Martina, Wolfgang, Kaspar und Joachim in zwei Tagen in Richtung Laos aufbrechen werden. Für den Rest von uns, dass heißt für Axel, Tobi, Ullrich und mich, ist die Reise hier zu Ende.

Ein letztes großes Ereignis ist an diesem Tage die Verabschiedung von Schräubchen, die sich zu diesem Anlass extra in ein schickes, mit Lotusblüten besticktes Oberteil geworfen hat. Es fließt Bier, Wein und natürlich der leckere Selbstgebrannte, es wird angestoßen, Reden werden geschwungen, Essstäbchen zu Musikinstrumenten umfunktioniert. Wir sind mal wieder die letzten im Restaurant. Beschwingt geht’s also ins Hotel, wo wir beinahe von der herabfallenden Rinde einer Palme erschlagen werden. Das schreckt uns aber nicht ab: Todesmutig setzten wir uns bei Bier und Wein in den Hof (unters Dach).