Hoch hinaus

Das Blaue China, 16.10. bis 07.11.2016

Fahrt von Nanjing nach Zhangzhou bei Sonnenschein und 28°C. Strecke 47 km ohne Pannen.

Das goldene Sofa in der Lobby unseres Hotels hatte es uns angetan. Schon gestern zog es uns magisch an und gestern beschlossen wir auch vor der Abfahrt heute ein Gruppenfoto auf diesem herrlichen Sofa zu machen.

Die ersten 10 km schrubbten wir erst mal auf der Landstraße weg. Das ging flott. Dann bogen wir in eine Seitenstraße ab und von da an fuhren wir auf kleinen Sträßchen durch Dörfer und später auf Feld- und Trampelpfaden mitten durch die Bananenplantagen. Bananen beherrschen hier eindeutig die Landschaft. Ab und zu sieht man auch mal andere Früchte wachsen, aber die Banane ist hier King.

In einem kleinen Dorf bereiteten sie gerade eine Zeremonie zum Ehrentag ihres regionalen Schutzgottes vor. Als wir anhielten um ein Foto vom Tempel zu machen wurden wir gleich mit Fragen überschüttet. Woher kommt Ihr? Was macht ihr hier? Aus Deutschland, ist das nicht arg weit? Wie lange bleibt Ihr und wo fahrt Ihr als nächstes hin? Dann mussten wir unbedingt das Gebäck probieren, das eigentlich für den Gott bestimmt war und bekamen jeder mehrere Flaschen Wasser geschenkt, denn Radfahren macht ja durstig. Zum Schluss gab‘s noch eine Wegbeschreibung und einige gute Wünsche mit auf den Weg.

Je näher wir Zhangzhou kamen, desto beschwerlicher wurde der Weg. Wir radelten von einer Baustelle in die nächste. Hier in Zhangzhou scheint man sich auf eine große Zukunft vorzubereiten. Es wurde ein riesiger Uni-Campus weit außerhalb der Stadt errichtet, riesige Straßen, auf denen noch keine Autos fahren, und alte Wohnviertel weichen neuen, moderneren, höheren Gebäuden. China im Wandel. „Nit kleckern, klotzen!“ wie der Rheinländer sagt. Die Chinesen haben sich das zu Herzen genommen. Hier wird in die Infrastruktur von morgen investiert und zwar für große Massen von Menschen. Laut Prognosen soll die Bevölkerung Chinas um 2030 die 1,5 Milliarden Grenze erreichen. Das merkt man der Stadtplanung hier an. Die Planer wollen hoch hinaus.

Es war schon später Nachmittag, als wir in Zhangzhou ankamen. Wir machten uns nach einer kurzen Pause im Hotel auf den Weg in die Altstadt. Die ist noch richtig bewohnt und lebendig. Keine Touristenläden, sondern ganz normale Läden für den Alltagsbedarf. Ich finde, gerade das macht diese Altstadt so sympathisch. Wir tranken einen Kaffee in einem kleinen Kaffeehaus und gingen anschließend nahe der Altstadt essen. Das Restaurant muss wohl ein Sichuan Restaurant gewesen sein, denn alle Gerichte hatten eine beachtliche Schärfe. Die Platten hatten ordentlich Chili und Sichuan-Pfeffer geladen.

Auf dem Rückweg gingen wir noch über einen typisch chinesischen Straßenmarkt. Von frisch zubereiteten Snacks über Haushalts- und Elektroartikeln bis hin zu Klamotten gab es alles. Sogar deutsche Markensportschuhe von den beiden berühmten Brüdern – wie hießen die noch gleich? Ich glaube Adadis und Adibas…


Partyzone

Mythos Mekong, vom 14.09. bis 12.12.2016

Fahrradfreier Tag in Vang Vieng

Die in einer anmutigen Karstlandschaft gelegene Kleinstadt, die sich über Jahre den Ruf des Drogen- und Partyhotspots in Asien redlich erarbeitet hat (zugekiffte und/oder sturztrunkene Jungs/Mädels ließen es auf dem Nam Song krachen („tubing“ mit Autoreifen), leider begleitet von zahlreiche Toten, die den Weg zum rettenden Ufer nicht mehr schafften) ist inzwischen nur noch Partyhochburg. Für Stimmung sorgen raubeinige australische Jugendliche, kongenial unterstützt von Massen koreanischer Touristen, die im Buggy-Konvoi durch die Straßen rauschen, mit Leichtflugzeugen für Fluglärm sorgen und überhaupt mit ihrem Verhalten nicht gerade für einen Ausbau der laotisch-koreanischen Völkerfreundschaft sorgen. Die Laoten nehmen ihr Verhalten missbilligend in Kauf („they don’t accept our culture“), zu abhängig sind die lokalen Geschäfte von ihrer Kaufkraft (Ein koreanischer Teenie-Star hat seine TV-Show einst mit Bilder seines Vang Vieng-Besuchs gewürzt; seitdem gibt’s für seine Landsleute kein Halten mehr).

Wir selbst relaxen in einem für laotische Verhältnisse piekfeinen Bubgalowresort und gönnen uns einen fahrradfreien Tag; stattdessen sind wir mit kleinen Vespas unterwegs, juckeln ins Hinterland zu einem Hmong-Dorf und planschen in einem hübschen Wasserfall (nur zwei hatten den Mut). Zum Abschluss gucken wir Koreanern in der „blue lagoon“ zu, wie sie sich todesmutig unter dem Gejohle ihrer Bekannten (mit Schwimmweste) von 5 Metern in die Tiefe stürzen. Noch rechtzeitig retten wir uns ins schützende Resort, bevor der sich immer dunkler verfärbende Himmel ernst macht und hektoliterweise Wasser läßt. Im Übrigen das erste Mal auf unserer Tour. Am nächsten Morgen sieht’s aus, als sei nichts geschehen.

Land von Fisch und Reis

Kaiser, Kanäle, Konfuzius, vom 12.10. bis 03.11.2016

Drei Tage über Land und Wasser, mit viel Fisch und wenig Reis. Wetter tendenziell besser!

Wie habe ich so schön vor ein paar Tagen geschrieben: Wetter ist das, was man aus ihm macht!

Nach nunmehr fast einer Woche Regen nagt das Wetter aber dann doch ein wenig an der Stimmung. Dennoch wollen wir uns den Spaß am Radfahren nicht verderben lassen und fahren optimistisch bei leichtem Regen in Huai’an los. Immer am Kaiserkanal entlang, was an sich recht romatisch und schön wäre, wenn die Straße nicht zunehmend schlechter werden würde. Nach gut 15 Kilometern ist die Uferstraße dann ganz gesperrt.

Ein Glücksfall, wie sich herausstellt. Mit kleiner Unterweisung einer Tante-Wang-Laden-Besitzerin finden wir den Weg auf kleine betonierte Wirtschaftswege und fahren die nächsten zwanzig Kilometer durch Felder und kleine Dörfer, autofrei!

Dannach hat uns eine Straße wieder, die zwar neu ist, aber (noch) keinen Verkehr sieht. Radeln vom Feinsten, bei Rückenwind und angenehmen Temperaturen. Und nur ganz wenig Nieselregen! Kleine daotische Tempel säumen unseren Weg und an einer Brücke werden wir wohl erwartet. Welch Voraussicht, das Badeverbotsschild auf Englisch zu übersetzen!

Ein kleiner Spaziergang durch die Kreisstadt Baoying (knapp eine Millionen Einwohner) beschließt den Tag. Ohne Regen!

Am nächsten Tag hat uns der Regen wieder fest im Griff. Für einen Moment bin ich versucht, nach dem Motto „Augen-zu-und-durch!“ die heutigen 60 Kilometer auf der gut ausgebauten Uferstraße anzureißen. Etwas mehr Verkehr, aber auch recht nett. Dann fällt der Blick auf einen Radweg (!), eigens am Kaiserkanal angelegt und explizit als solcher ausgewiesen. Plant da jemand den ersten chinesischen Fernradwanderweg, immer den Kaiserkanal entlang?

Für uns dauert die Herrlichkeit leider nur ein paar Kilometer, dann sind wir wieder auf der Hauptstraße. Aber an der Fortsetzung des Radweges wird sichtlich gearbeitet, mal sehen, was die nächste Gruppe erzählt!

Lange bleiben wir nicht auf der Hauptstraße. Parallel dazu entdecke ich einen Wirtschaftsweg, der vielversprechend aussieht. Wir folgen diesem durch den schon bekannten Dreiklang aus Dörfern, Reisfeldern und staunenden Bauern.

„Kekspause!“, schreit es von hinten, „die Sonne feiern!“

Das hätten wir besser nicht gemacht, denn kaum sitzen wir wieder auf den Rädern, öffnet der Himmel mal wieder seine Schleusen. Passend dazu wird die Fahrbahn brüchig und endet schließlich in einem Feldweg. Bei gutem Wetter sicherlich gut zu befahren, aber nach einer Woche Regen?

Einen guten Kilometer pflügen wir dann den Matsch um, bis wir wieder trockenen Boden unter den Reifen haben. Habe ich schon erwähnt, dass meine Gruppe für alles zu haben ist? Großes Lob!

Ab da geht es aufwärts, Svens Wetter-App hatte Aufklarung am Nachmittag prophezeit und meine Erinnerung zauberte eine leckere Mittagsstation aus dem Hut. Nach grandiosem Mittagessen sind wir dann wieder auf der Uferstraße, die dank paralleler Neubaustrecke fast autofrei ist, packen unsere Regensachen in den Begleitbus und rollen in Richtung Gaoyou, unserem heutigen Etappenziel.

Am Abend sieht es tatsächlich nach schönem Wetter aus!

An unserem letzten Radeltag dann tatsächlich Sonne! Und das Glück des Geduldigen! Die Strecke, die ich herausgesucht hatte, wäre unter normalen Umständen schon recht nett. Heute ist die Straße über die Verästellungen des Kaiserkanals zusätzlich für den Autoverkehr geperrt. Fast zwangzig Kilometer rollen wir autofrei über eine Meer von Wasserflächen, Kanälen, Fischteichen, Lotusfeldern. Werden dann übermütig und drehen eine Extrarunde durch kleine Dörfer und Reisfelder. Und reiten schließlich in Yangzhou, unserem Zielort ein. Bei schönem Wetter.

Immerhin!

Strecke 28.10.2016

Strecke 29.10.2016

Strecke 30.10.2016

Not Joachim’s Day

Das Blaue China, 16.10. bis 07.11.2016

Fahrt von den Rundhäusern der Hakka nach Nanjing. Strecke ca. 88 km bei bedecktem Himmel und einigen Pannen.

Die Rundhäuser begleiteten uns noch eine Weile auf dem ersten Teil unserer Strecke. Immer wieder kamen wir an Dörfern vorbei, die eines oder mehrere dieser stattlichen Lehmbauten aufwiesen. Im weiteren Verlauf der Radtour wurden sie dann seltener. Dafür radelten wir lange Zeit an einem Verbund von Stauseen entlang. Die Strecke war sehr ruhig, kaum Verkehr und sehr grün. Wir fuhren an den Seen und Flüssen entlang, durch Bambuswälder und gelegentlich mal ein Dorf. Immer wieder passierten wir Staustufen und kleine Wasserkraftwerke.

Da es auf der Strecke keine Möglichkeiten gab einzukehren hatten wir in weiser Voraussicht etwas Obst, Brot und Kekse gekauft und machten auf einer malerischen Brücke Picknick. Kurz bevor wir wieder auf eine belebtere Straße trafen fuhren wir eine längere Abfahrt hinab. Dabei wurden Joachims Felgen so heiß, dass sie den Schlauch zum Explodieren brachten und den Mantel gleich mit. Einen Ersatzschlauch hatte ich ja dabei aber einen Mantel leider nicht. Der war auf einer Länge von rund 15 cm aufgeplatzt. Wir starteten zwar noch einen Reparaturversuch und klebten vom zerfetzten Schlauch ein Stück in den Mantel, doch das war vergebene Liebesmüh.

Glücklicherweise war an der Staustufe, an der wir gerade vorbei gefahren waren, ein Bediensteter. Der rief auf meine Bitte hin einen Bekannten von sich an, der mich in den nächsten Ort fahren würde. Nach wenigen Minuten kam ein Mopedfahrer bei uns an, der mich zusammen mit dem kaputten Reifen die 7 km zum nächsten Ort fuhr. Dort steuerte er eine klitzekleine Motorradwerkstatt an. Etwas anderes gab es in dem Ort nicht. Der Mechaniker betrachtete meinen Reifen und sagte nur, soetwas habe er nicht. Nach einer Gedenkminute fügte er hinzu: „Geht auch ein gebrauchter?“ Ich war heil froh über den gebrauchten Mantel, den er in seinem Müll ausgrub. Er montierte ihn mir und pumpte ihn auf und verlangte dann satte 8 Yuan. Das ist etwa 1 Euro. Für einen Euro würde ich in Deutschland nicht mal einen Kostenvoranschlag bekommen. Glücklich fuhr ich dann die 7 km wieder mit dem freundlichen Mopedfahrer zurück zur Gruppe. Der Fahrer wollten dann ganze 20 Yuan für die 14 km inklusive Warten bei der Werkstatt, also nicht ganz 3 Euro. Das hat sich definitiv gelohnt.

Wir waren noch keine 10 km weiter gefahren, da blieb der arme Joachim wieder liegen. Diesmal war es ein ganz banaler, schnöder Platten. Keine Herausforderung. Der Platten war schnell geflickt und den Rest der Strecke fuhren wir pannenfrei bis nach Nanjing in unser Hotel. Dies ist nicht das berühmte Nanjing am Yangzi, sondern das Nanjing in Fujian. Eine Kleinstadt mit einem erstaunlich luxuriösen Hotel, in dem wir logieren. Aber morgen geht’s ja dann leider schon wieder weiter.


Von der Landwirtschaft

Mythos Mekong, vom 14.09. bis 12.12.2016

60 km von Kasi nach Vang Vieng

Das Streckenprofil nimmt sich heute deutlich entspannter aus, nur 1-2 Bergrücken sind zu überwinden, bevor wir in Laos Party-Zone eintreffen. Wir passieren kleinere Dörfer, in denen die Menschen sowohl für ihre Selbstversorgung als auch für ein wenig Handel Landwirtschaft betreiben. Es ist Reisernte, die anders als bei den maschinenunzugänglichen Berghängen hier auch mittels motorgetriebener Dreschmaschinen erfolgt. Immerhin reicht es bei einer Reihe von Bauern auch zum Bau von Steinhäusern. Viele der in den alten Holzhäusern Lebenden verfügen über keinen Wasseranschluss, weswegen man sich links-rechts der Straße in öffentlichen Brunnen reinigt und badet und gleich auch die Wäsche mit erledigt.

Alles eingebunden in eine märchenhafte Berglandschaft, durchzogen von kleinen Tälern und Bergrücken und kleinen landwirtschaftlich genutzten Flächen. Wunderhübsch. Jetzt finden sich auch wieder einzelne Tempel, die zuvor bei den Bergetappen nicht zu sehen waren.

Zu Gast bei Gästen

Das Blaue China, 16.10. bis 07.11.2016

Tagestour zu den Rundhäusern der Hakka. Rund 17 km bei bedecktem Himmel.

Wir sind bei den Hakka. Der gestrige Tag stand im Grunde genommen im Zeichen des Transfers ins Hakka-Gebiet. Die Hakka sind eine chinesische Volksgruppe, die überwiegend in Südchina ansässig ist, aber ursprünglich mal aus der Region um den Baikalsee stammt. Wir schauen uns die berühmten Rundhäuser der Hakka (Tulous) nicht nur an, sondern wohnen sogar in einem. Das ist schon ziemlich spektakulär. Wir sind Gäste bei den Gästen, denn Hakka auf Chinesisch „Kejiaren“ bedeutet Gäste was auf ihre Zuwanderung verweist.

Das Haus, in dem wir untergebracht sind, wurde im 17. Jahrhundert gebaut und hat für mehrere hundert Personen Platz. Zur Zeit wohnen hier außer uns noch eine Hundertschaft chinesische Mittelschüler, die hier im Rahmen des Kunstunterrichts die Rundhäuser malen sollen. Die Tulous haben meist mehrere Meter dicke Lehmwände, sind kreisrund, und mit einem großen Innenhof. Die Zimmer liegen alle um den Hof herum und sind mehrstöckige Holzbauten. Nach außen haben die Tulous nur einen Eingang und nur wenige kleine Fenster in den oberen Etagen. Die Architektur diente der Verteidigung, denn die Küsten Fujians wurden ständig von Piraten heimgesucht.

Das Ziel unseres heutigen Tagesausfluges ist eine Rundhaussiedlung, die von den Einheimischen „Vier Gerichte und eine Suppe“ genannt wird. Die vier Gerichte sind die vier Rundhäuser, die in ihrer Mitte ein quadratisches Lehmhaus einschließen, die Suppe. Jedes dieser Tulous ist noch bewohnt ist quasi lebendiges Museum. Die ganzen Rundhäuser der Region sind mittlerweile UNESCO Weltkulturerbe. Nachdem wir die Tulous alle besichtigt haben, essen wir in dem größten von ihnen zu Mittag. Der Wirt macht mit uns vor dem Essen noch eine Teezeremonie, natürlich mit der Absicht, uns den Tee zu einem stolzen Preis zu verkaufen. Der Tee, ein Tieguanyin, ist wirklich gut, aber doch sehr teuer.

Da wir auf der Hinfahrt fast permanent bergauf geradelt sind, ist die Rückfahrt deutlich schneller und entspannter, abgesehen von dem Platten den wir beheben müssen. Am Nachmittag machen wir noch einen kleinen Spaziergang durch den Ort Taxia in dem wir wohnen und schauen uns den Ahnentempel der Familie Zhang an. Der Ort ist klein und recht hübsch, aber man sieht an allen Ecken bereits die Zeichen des großen Tourismus, der bald kommen wird. Hoffentlich geht es damit nicht zu schnell. Es wäre schade, wenn der Ort allzu bald seine Entspanntheit verliert.


Obi und aufi

Mythos Mekong, vom 14.09. bis 12.12.2016

94 km von Kiu Kacham nach Kasi

Das 2. Highlight der Etappe, die Berg- und Talfahrt nach Kasi, durchquert die Bergrücken, die das mittlere und nördliche Laos vom topfebenen Süden trennen. Die zahllosen Gipfel sind dicht bewaldet und von einem undurchdringlichen Grün durchzogen. Die wenigen Bewohner mühen sich um Reisanbau in den wenigen Flachstücken und den durch Brandrodung gewonnenen Steilhängen.

Entlang der Straßen begegnet uns ärmliches, dörfliches Leben. Gleichwohl begrüßen uns die zahllosen Kinder frenetisch mit lauten „Sabadee“-Rufen, wann immer sie uns erblicken. Die Vier- oder höchstens Fünfjährige trägt ihren zweijährigen, nackigen Bruder huckepack und kann uns gleichwohl immer noch zuwinken. Auch die Älteren begrüßen uns freundlich lachend. Ihre work-life-balance, so scheint es, hat eindeutig Schlagseite. Auffallend ist die der Not trotzende allgemeine Sauberkeit. Die Frauen fegen ihr kleines Terrain und versuchen, das ärmliche Zuhause sauber zu halten.

Später am Tag werden (wohl der atemberaubenden Ausblicke wegen) unsere „Sabadde“-Rufe spärlicher. Was soll man denn auch noch sagen. Es bleibt einem ja schon bei dem sich darbietenden Panorama die Spucke weg…

Schnappatmung

Mythos Mekong, vom 14.09. bis 12.12.2016

79 km von Luang Prabang nach Kiu Kacham

Nach den entspannenden Stunden tags zuvor heißt es heute früh morgens: „In die Pedale!“

Und wie! Kaspar und Joachim wie auch Wolfgang und Martina legen ein Tempo vor, dass ich schon nach kurzer Zeit Gefahr laufe, in Schnappatmung zu verfallen. Mein lieber Herr Gesangsverein! Die Viererbande hat – von China kommend – bereits über 2.000 km in den Beinen und lässt mich alsbald spielend hinter sich. Mit der Verteidigung des grünen Bergtrikots aus dem letzten Jahr wird das heute nichts. Km um km geht’s hinauf, Märkte und Menschen werden immer seltener, das Grün immer satter und die Ruhe der Bergwelt nur gelegentlich von chinesischen Trucks gestört, die unter der Last ihrer Fracht ächzend die Berge hochkriechen.

Der Gefahr der Schnappatmung setzten sich die Vier aber am Ende des Tages gleichfalls aus. Der Rundumblick hoch oben auf dem Bergplateau ist schlicht überwältigend. Einfach toll, welches Panorama sich hier oben gerade auch im Abendlicht präsentiert („Die Landschaft ist voller Gegend“ O-Ton Kaspar). Wir alle sind hingerissen. Laos kann bei den Langreisenden im Vergleich zu dem in China Gesehenen deutlich punkten. Und das ausgezeichnete „Beer Lao“ tut das Seinige dazu.

Hey Zhou!

Kaiser, Kanäle, Konfuzius, vom 12.10. bis 03.11.2016

Ruhetag in Huai’an

Das Wetter ist gnädig mit uns. Nein, nicht wirklich, auch heute haben wir wieder mit Schauern zu kämpfen. Und mit einigen Wolkenbrüchen. Aber immerhin werden wir meist nicht nass und das Wetter hält sich an unsere Besichtigungszeiten.

Huai’an hat immerhin fast 5 Millionen Einwohner und ist eine der wichtigsten Städte der Provinz Jiangsu. Tatsächlich kommt es uns weniger entwickelt, weniger modern vor als die simplen Kreisstädte, die wir die vorhergehenden Tag besucht haben. Zuweilen fühle ich mich, und mit mir die alten Chinahasen Anke und Sven in der Gruppe ein gutes Jahrzehnt in die Vergangenheit versetzt. Einige Ecken von Huai’an haben sich sicherlich sogar in den letzten 25 Jahren kaum verändert.

Geschichte, wohin man sieht!

Vor allem in der Gedenkstädte für Zhou Enlai, dessen Familie aus Huai’an stammte. Zhou Enlai, neben Mao Zedong während der 1950er und 1960er Jahre das Gesicht der Volksrepublik China, erster Ministerpräsident, Außenminister, sprachkundig, jovial. Der Mann, wie viele Kenner Chinas glauben zu wissen, der hinter der mächtigen Gestalt Maos die Fäden zog. Der die Annäherung an die USA und die Aufnahme in die UNO in den 1970er Jahren maßgeblich vorbereitete. Dem Truman den Händeschlag verweigerte, weil er im Wahlkampf nicht händelschüttelnd mit einem Kommunisten fotographiert werden wollte.

Der Mann, der in der Kulturrevolution Schlimmeres verhindert hat, sagen die einen. Das Weichei, dem das eigene Wohlergehen wichtiger war als der berechtigte Widerstand gegen Maos Politik, beklagen einige. Derjenige, der hinter all den Irrungen und Wirrungen steckte und Mao nur vorschob, behauptet sogar eine verschwindend kleine Minderheit.

In der chinesischen Bevölkerung war und ist Zhou Enlai auf jedenfall ohne Einschränkungen beliebt, das konnte außer ihm nur Sun Yat-sens Anfang der 1980er verstorbene Frau Song Qingling von sich behaupten.

In Huai’an steht nun also seine ehemalige Residenz und seine etwas überdimmensionierte Ehrenhalle. Ehre, wem Ehre gebührt. Eine äußerst informative Ausstellung führt durch Zhous Leben und damit auch durch die chinesische Revolutionsgeschichte.

Und Huai’an war nicht immer eine „rückständige“ Millionenstadt. Zu den Hochzeiten des Kaiserkanals blühte hier der Handel. Letzte Zeuge hiervon finden wir in einem kleinen historischen Viertel von Huai’an, das wir mit der hochmoderen Straßenbahn erreichen.

Ein wenig alte Bebauung und drumherum eine Menge Disneyland chinesischer Prägung. Besser als die seelenlosen Hochhausviertel, die Huai’an prägen allemal. Wir gönnen uns ein leckeres Mittagessen während eines Regengusses und statten dann dem lokalen Giant-Radladen einen Besuch ab.

Morgen geht es endlich wieder auf die Fahrräder!

Wedding Island

Das Blaue China, 16.10. bis 07.11.2016

Rundfahrt in Xiamen bei über 30°C und subtropischer Feuchtigkeit.

Die gestrige Zugfahrt verlief reibungslos. Der Zug war wie immer pünktlich und wir kamen auch pünktlich am Nachmittag in Xiamen an. Uns empfing der Sommer und nicht zu knapp. Es waren hier 36°C bei Ankunft und Sonnenschein. Endlich! Heute morgen meinte Renate allerdings: „Wir wünschen uns den Regen und die Kühle bestimmt bald zurück.“ Es ist schon richtig schweißteibend, sogar im regungslosen Zustand.

Am Vormittag holten wir die Räder im Radladen ab und stellten sie ein. Von dort wühlten wir uns durch den Stadtverkehr in Richtung Putuo Si, dem berühmtesten und größten Tempel Xiamen. Zuvor entdeckten wir noch einen kleinen daoistischen Tempel, den eine Nachbarschaftsinitiative errichtet hatte. Er war winzig, aber sehr nett gestaltet.

Der Putuo Si selbst ist sehr groß und scheinbar sehr reich. Es wird noch nicht einmal Eintritt verlangt wie bei den meisten Tempeln. Und trotzdem sieht er aus wie aus dem Ei gepellt. Besonders gefällt mir, dass er farblich nicht so überladen ist, nicht so barock wie viele andere Tempel. Er ist hauptsächlich in unlackiertem Holz gehalten und deshalb sehr naturfarben.

Da alle Frauen unserer kleinen Gruppe Vegetarier sind nahmen wir dies zum Anlass, in dem berühmten vegetarischen Restaurant des Tempels zu speisen. Es war auch wirklich außerordentlich gut und sogar vegan. Von dort radelten wir zur Xiamen Universität, die einen sehr schönen Campus im traditionellen Stil hat. Leider durften wir nicht mit den Rädern auf den Campus. Die Wachleute sagten nur sehr unfreundlich, das ginge erst ab 17:30 Uhr. Also fuhren wir drum herum ans Meer.

Wir setzten uns an den Strand und Renate und Joachim badeten sogar. Als wir am Meer entlang weiter fuhren passierten wir Hochzeitspaar um Hochzeitspaar. Es waren gewiss hunderte. Es waren so viele, dass wir gar nicht glauben konnten, dass die alle echt sind. Wir mutmaßten, dass viele von denen professionelle Models waren. Aber China hat einfach viele Menschen und die Küste ist ein romantisches Fleckchen.

Die Rückfahrt durch die Stadt zurück zum Hotel wurde etwas umständlich. Eine Straße, die wir hätten fahren sollen, war aufgrund einer großen Baustelle nicht mehr existent, so mussten wir diese umfahren und landeten auf einer großen Straße von der wir aufgrund von Einzäunungen nur schwer wieder runter kamen. Dazu kam, dass es mittlerweile dunkel war und als europäischer Radfahrer ohne Licht in so dichtem Verkehr, das ist doch recht gewöhnungsbedürftig. Morgen ist erst mal ein radfreier Tag, da können wir uns ein wenig von dem Stadtverkehr erholen.